Günter de Bruyn lese ich zwar nicht täglich, aber immer wieder mit Freude und Gewinn, diesmal "Vierzig Jahre" (1996) der Band seiner Autobiographie, der mich noch mehr "anmachte" als "Zwischenbilanz" (1992).
Als die DDR gegründet wurde, war Günter de Bruyn 22, als der Staat von der politischen Bühne abtrat, 63 Jahre alt. Die vierzig Jahre, die dazwischen liegen und den größten Teil seines bewußten Lebens ausmachen, hat de Bruyn in der DDR verbracht. In diesem Buch berichtet er so offen, so uneitel, ruhig und gewissenhaft, wie dies bislang wohl noch nie geschah, vom Leben eines Bürgers in einem diktatorischen Staat und setzt damit seine vielbeachtete autobiographische Zwischenbilanz fort.
»Wenn man unter den deutschsprachigen Schriftstellern unserer Jahrzehnte denjenigen auszeichnen wollte, der die Arroganz bis zum letzten Hauch aus seiner Sprache getilgt und die Fairneß zur Arbeitsmoral erhoben hat, gehörte Günter de Bruyn der Preis.«
Sibylle Wirsing, "Frankfurter Allgemeine"
YouTube zu de Bruyn Foto u. Text anlässlich seines Todes
W.Thierse über de Bruyn besonders Min. 52ff.
Zunächst steht hier nur verkürzt der Text einer KI (hier der vollständige Text), Zitate habe ich schon vorgemerkt, sie folgen, wenn ich Zeit dafür finde.
Über seinem Freund Herbert: das Porträt einer lebenslangen Freundschaft, die von den politischen und gesellschaftlichen Spannungen der DDR geprägt war. Die beiden lernten sich während der Zeit des Nationalsozialismus kennen, überlebten den Krieg und suchten in der frühen DDR nach Orientierung. Während de Bruyn den Weg des Schriftstellers einschlug, blieb Herbert eine Art "Gegenentwurf" – ein Mensch, der versuchte, im Privaten integer zu bleiben, während er im System der DDR zunehmend zerrieb. Herbert verkörpert für de Bruyn das Schicksal derer, die innerlich nicht mit dem System konform gingen, aber auch keinen offenen Widerstand leisteten. Er steht für geistige Unabhängigkeit, die ihn oft in Konflikt mit den Erwartungen der SED-Diktatur brachte, so dass er "Verlierer" der Geschichte wurde.
De Bruyn beschreibt die Beziehung zu Herbert mit einer Mischung aus Bewunderung, Mitleid und Selbstkritik, um die stickige Atmosphäre der DDR-Provinz und die Enge des damaligen Denkens spürbar zu machen.
Zitate:
Herbert: Der
Nachtgefährte.
Nach
Herberts Tod waren meine Träume von ihm belebt. [...]Seite
51
Da
meine Traumerfahrung mit Toten besagte, dass sie sich rar machten,
mit den Jahren, um schließlich mit ihrem völligen Wegbleiben den
zweiten Tod, den des Vergessens, zu sterben, nahm ich
mir vor, ihn im Roman weiterleben zu lassen, Doch wurde nur ein
Bündel Fragmente daraus.
In
ihnen führte Herbert den Namen Krautwurst, der das seltsame seiner
Erscheinung ausdrücken sollte. (S. 52)
"Was
unser Verhältnis so fruchtbar machte, war die Verschiedenheit
unserer geistigen Wege, auf denen wir zu ähnlichen
Positionen gelangt waren. Ihm war meine katholische / Herkunft so
fremd wie mir die sozialdemokratischen Einflüsse, die sein Vater
auf ihn ausgeübt hatte. Meine religiös-romantisch Jugend
bewegte Entwicklungsphase war ihm unverständlich, während ich
seine Swing-Begeisterung, zu der auch lange Haare, elegante
Sakkos und Nächte im 'Mokka. Efti' gehörten, nur mit Befremden zur Kenntnis nahm. [...] Mit Begeisterung aber
hatte er auch die mir nicht vertrauten Grillparzer und Hebbel gelesen,
sich mit Malern, die als entartet galten, beschäftigt und sich zum
Kenner des literarischen Expressionismus entwickelt, während ich
vorwiegend Storm gelesen hatte und nur bis zu Arno Holz gelangt war.
Nach dem Krieg trafen sich bei Thomas Mann unsere Interessen, doch
wurde dieser bei ihm bald überflügelt durch Kafka, Musil und Joyce.
[...] Wir verfolgten beide die westdeutsche Literatur, "in der mich vor allem Böll
vom ersten Buch an faszinierte, während Herbert lediglich Nossack gerade noch gelten ließ. In der Ablehnung Brechts waren wir einig,
besuchten aber jede seiner Aufführungen. [...]"(S. 55/56)
Umwertung,
der Werte
Wie
die Demokratie und die Nationalstaaten, die Dampfmaschine, der Jazz
und die Jeanesmode, war auch die Freihandbibliothek aus dem Westen
gekommen und in Deutschland anfangs vorwiegend auf Ablehnung
gestoßen; denn zu den pädagogischen Idealen der Volksbüchereien,
wie sie besonders in Leipzig gepflegt worden waren, passte sie
schlecht. [...] (S.56)
"Herberts Begabung lag so ausschließlich im Mündlichen und Dialogischen, dass
er ohne ein Gegenüber nur wenig zu Stande brachte, kaum einen
Brief. [...] Nur im Gegenwart anderer konnte er sich
zusammenreißen und sich auf anderes, als ich selbst konzentrieren." (S.59)
Denn
in dem politisch und ideologisch belebten Jahr 1956, in dem mit dem
Schwinden des / Stalin-Mythos auch Parteiblinde sehend wurden, Starrheiten, sich lösten und antidogomatische Aufsätze von Lucácz und Mayer selbst im Institut diskutiert werden durften, hatte
ich nach der blutigen Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes, den Prozessen gegen Intellektuelle und der erneuten
Dogmatisierung manches widerliche Zu-Kreuze-Kriechen
erlebt.
Als Parteiloser konnte ich wenigstens schweigen. Schon die erste Stufe
einer Karriere wäre aber mit Parteimitgliedschaft verbunden
gewesen. Die aber lag für mich außerhalb jeder Erwägung. Wenn mir
Genossen erklärten, man müsse in die Partei gehen, um sie zu
verändern, hatte ich immer den Eindruck von Selbstrechtfertigung
oder Selbstbetrug." (S.61/62)
Wanderungen und Wandlungen
"[...] Dass
ich gegen Ende der fünfziger Jahre auch viele Urlaubstage mit Herbert
verbrachte, war für Ilse eine Entlastung, geschah aber nicht etwa
ihretwegen oder aus Mitleid mit ihm. Unsere gemeinsamen Wochen auf
Landstraßen und Waldwegen waren für mich, trotz vieler Regen
und / Hungertage, die sorglosesten, heitersten und anregendsten dieser
Jahre, und auch er war wohl, wenn wir unterwegs waren, zeitweilig
seine Seelenqual los. Da er als Kind weder Schwimmen noch Radfahren
gelernt hatte, verzichteten wir auf die Fahrräder und wurden zu
Wanderern. Denn erstaunlicherweise war Herbert trotz seiner Lädierung
ein ausdauernder Fußgänger, dem aber der Begriff Wandern zu
pathetisch und zu altmodisch erschien. Er nannte es Vagabundieren, traf aber damit nur unseren Geldmangel und unsere äußere
Erscheinung, nicht aber das Wohlorganisierte und Bildungsbelissene, dass uns zu Kirchen, Schlössern und historisch bedeutsamen Orten
trieb.
Sparsame
Leute waren wir beide. [...]
Um
nicht zugeben zu müssen, dass er Angst vor Urlaubseinsamkeit hatte,
gab Herbert vor, nur der Billigkeit wegen diese Fußmärsche mitzumachen, die er, wenn sie ins Grüne gingen, unsinnig nannte; denn von Natur hielt er angeblich nicht viel. Das entsprach unserer
selbstparodistischen Rollenverteilung, die wir uns nach Erzählungen
über unsere Jugendentwicklung zurechtgemacht hatten: ich war
Romantiker, Vergangenheitsschwärmer, Naturbursche, er
Kulturfanatiker, Dekadenter, Swingheini; was ihm Barhocker und Blues
waren, waren für mich Waldteiche und Volkslieder. Nur in der Kunst,
auch der sakralen, trafen wir uns, ohne aus dem Rollen zu fallen. Sie
gab unseren Unternehmungen, Sinn und Ziel." (S. 65).
"Der
aufwändigste Teil der Planung aber war die Reservierung von
Schlafplätzen. Noch gab es keine Hotelführer, und als es die ersten
gab, waren sie unzuverlässig, weil die größeren Häuser durch
Enteignung oder Westflucht ihrer Besitzer zu Betriebsheimen, Büros
oder Parteischulen umfunktioniert wurden und die Dorfgasthäuser ihren
Betrieb einstellten, dadurch Steuerdruck und Preisregulierung daran
nichts zu verdienen war. Die Vernichtung des privaten Gaststättengewerbes erschwerte das individuelle Reisen. In touristisch
erschlossenen Gebieten, wie dem Harz und dem Spreewald, war es
manchmal nicht möglich, auch nur einen Kaffee zu trinken; denn in
den Gaststätten mussten Kollektive / versorgt werden; da war für 'wilde Reisende', wie wir genannt wurden kein Platz. [...] Wir
erlebten zerschlissene Hoteleleganz der Jahrhundertwende, Betriebsheimödnisse und Strohschütten in Sportlerherbergen; und mehr als
drei Mark für die Nacht bezahlten wir nie. Z...]. Oft narrten
uns unsere Landkarten, entweder weil sie alt waren und beispielsweise
die Bodetalsperre im Harzvorland noch nicht verzeichneten, oder
weil sie neu und bewusst falsch waren und die Truppenübungsplätze
verschwiegen, deretwegen ein Fünftel der Mark abgesperrt war.
[...] Zwischen Brennnesseln und Holunderbüschen auf
Fundamentresten sitzend, bewunderten wir im Geiste, was wir auf alten
Bildern gesehen hatten, und kamen uns donquichotisch vor. Der
Schönheit der Vergangenheit wegen, liefen wir uns die Füße blutig
und kamen doch immer nur in der tristen Gegenwart an." (S. 66/67).
"Da
keiner von uns missionarische oder rechthaberische Neigungen hatte,
und jeder neugierig war, auf den anderen, aber nicht urteilen wollte, führten wir eher Vergleichs- als Streitgespräche und
verdoppelten unser Wissen und unsere Erfahrung dabei." (S. 68).
sieh auch: https://fontanefan3.blogspot.com/search/label/G%C3%BCnter%20de%20Bruyn