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05 Mai 2018

Poetischer Realismus

"Ich möchte Bilder schaun, nicht machen können,
Und bloß, um nichts vom Häßlichen zu leiden,
Denn niemals hat’s der Maler noch gesehen."


Das Hässliche soll durch Kunst veredelt werden. Der poetische Realist sieht die Wirklichkeit und verwandelt sie. In diesem Falle, indem er eine Empfindung ausformuliert und in strenger Form, einem Sonett, gestaltet
Dem Maler Gurlitt unterstellt Hebbel, dass er es fertigbringe, es gar nicht erst zu sehen.
So meine Sicht. 
Es folgt das vollständige Gedicht und ein Link zu Lesung und Interpretation in der Frankfurter Anthologie:


Friedrich Hebbel: 

„An meinen Freund Gurlitt“

Ich dachte dein, als ich die Herrlichkeiten
Der Steiermark vom Berg herab erblickte
Und im Empfindungswirbel fast erstickte,
Weil mir die Kraft gebrach, ihn abzuleiten.
Denn wer, wie du, in nebelhafte Weiten
Den Künstlerblick so oft schon siegreich schickte
Und sicher war, daß keine ihn verstrickte,
Vermag auch dort mit der Natur zu streiten.
Zwar werde ich dir nie die Hand mißgönnen,
Doch könnt’ ich dir das Auge fast beneiden,
Vor dem des Chaos Formen nicht bestehen.
Ich möchte Bilder schaun, nicht machen können,
Und bloß, um nichts vom Häßlichen zu leiden,
Denn niemals hat’s der Maler noch gesehen.

11 Juli 2019

Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse - Grillparzer und Hebbel

"[...] Unter den vielen neuen Bekanntschaften, die mein Tagebuch verzeichnet, sei nur zweier erwähnt: Grillparzers und Hebbels.
Über beide hatte ich im »Literaturblatt zum deutschen Kunstblatt« mich ausgesprochen, über den Altmeister der österreichischen Dramatiker, der damals in Norddeutschland so gut wie verschollen war, mit andächtiger Bewunderung. Ich hatte ihn gleichsam neu entdeckt und zum erstenmal, da die Rettich mir seine sämtlichen, noch zerstreut erschienenen Dramen geschenkt hatte, mit tiefstem Interesse studiert. Er hatte wohl von meinem Aufsatz Kenntnis genommen und ihn mir gedankt. Nun empfing er mich, da Lewinsky mich zu ihm führte, mit einer Freundlichkeit, die mir das Herz aufgehen ließ. Ich genoß bei dem ehrwürdigen Greise eine unvergeßliche Stunde, und als ich bei meinem zweiten Besuch mich von ihm verabschiedete und er mich mit väterlicher Güte umarmte, war ich nahe daran, wie er selbst in jungen Jahren einem Größeren gegenüber, von meiner inneren Bewegung mich zu Tränen fortreißen zu lassen.
Anders verlief mein Besuch bei Hebbel. Dessen Gedichte hatte ich respektvoll, aber ohne Verhüllung dessen, was ich für die Grenzen seiner Begabung hielt, besprochen, das Gewaltsame und Grüblerische seines Wesens auch in der Lyrik, die dialektische Marotte hervorgehoben, mit der er allem Einfachen aus dem Wege ging, und die Unfähigkeit, »Geist und Natur auf ungetrennter Spur« sich verbinden zu lassen. Ich war also nicht auf den freundlichsten Empfang gefaßt, zumal ich darauf bestanden hatte, daß die Rolle meiner Gräfin von der Esche der Rettich zuerteilt werden sollte.
Ich fand aber den merkwürdigen langen blonden Mann zwar etwas einsilbig, doch ohne jede Spur einer Empfindlichkeit gegen den dreisten jungen Kollegen. Eine gewisse befangene Höflichkeit auf seiner Seite verschwand bald, und ein interessantes Gespräch kam in Gang, an dem dann auch die Frau teilnahm. Da ich sein großes Talent anerkannte, so problematisch mir auch das meiste, was er hervorgebracht, erschien – die grandiosen »Nibelungen« waren noch nicht gedichtet –, konnte ich ihm einen aufrichtigen guten Willen zeigen, der ihm nach der Vorstellung, die er sich von mir gemacht, sichtlich wohltat. [...]"
(Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse, Wien)

21 April 2021

Hebbel

 Man spricht nicht mehr von ihm. Seine Werke sind nicht aktuell, sein Dichtertum nicht so bedeutend, dass seine Werke Weltliteratur geworden wären.

Aber seine Tagebücher [ein nicht ganz charakteristisches Beispiel] zeigen einem Menschen, der mit äußerster Kraft an sich arbeitet, Autodidakt, der sich zu Hohem berufen fühlt und der viele Schwierigkeiten durchsteht auf dem Wege. Manchmal zufrieden, selten euphorisch oft recht verzweifelt (vergleiche Golo Mann sieh unten).

Golo Mann über Hebbelss Tagebücher:
Mann  verweist darauf, dass er selbst begonnen habe, "ein Tagebuch zu führen mit der Überschrift 'Im Stil Hebbels.' - seines war besser. 
Übrigens trotz aller von außen kommenden Erniedrigungen, der Armut, der Hilfe unerfreulicher Gönner oder Gönnerinnen, entschieden stolzer. Sogleich die ersten Sätze:
'Ich fange dieses Heft an nicht allein meinem künftigen Biografen zu gefallen, obwohl ich bei meinen Aussichten auf die Unsterblichkeit gewiss sein kann, dass ich einen erhalten werde. Es soll ein Notenbuch meines Herzens sein und diejenigen Töne, welche mein Herz angibt, getreu, zu meiner Erbauung in künftigen Zeiten aufbewahren.'
Nicht eigentlich Notizen am Abend oder am nächsten Morgen über des Tages Tun und Geschehen. Selten Datierungen; immer dort, wo lange Partien aus eigenen Briefen abgeschrieben werden; sonst nur gelegentlich. Neue Freunde oder Bekannte werden nicht eingeführt, nicht einmal sein schlichter Münchner Bettschatz; sie erscheinen da, wo sie ihm etwas des Erinnerns Wertes sagen, wo es etwas Komisches, Groteskes, Ernstes, Trauriges über sie zu notieren gibt. An einem Münchner Jahresende erwähnt er, im Laufe des Jahres Schelling und Goerres kennen gelernt zu haben; wann das war, und welchen Eindruck diese beiden höchst merkwürdigen Gestalten auf ihn gemacht hatten, erfahren wir nicht. [...] Jugend, zumal einsame, ist die Epoche des Philosophierens, im Gespräch mit anderen oder mit sich allein. Er liest keine Philosophen von Profession, nur solche, die, wie Lichtenberg, auf eigene Faust grübeln – 'Originalphilosophen' nannte man sie im 18. Jahrhundert. Genau dies ist er selber.' Alles kann man sich denken, Gott, den Tod, nur nicht das Nichts.'
Mit sich selber beschäftigt bis zum Extrem, manchmal zufrieden und dankbar euphorisch nie, oft zweifelnd bis zur Verzweiflung – die Quellen als eines Unglücks sei sein Dichtertalent, zu bedeutend um unterdrückt zu werden zu gering, um ihn zu tragen – immer angespannt, immer äußere und innere Erlebnisse mit dem selben Willen zum Wissen analysieren, hält er auch seine nächtlichen Träume für wert, festgehalten zu werden. Und seine Phantasie ist die stärkste und buntes der im Traum.
Das Politische im engeren Sinne interessiert ihn kaum. Freilich aber kann er nicht umhin, über das historische Stück Zeit nachzudenken, mit ihm er wird zu Rande kommen müssen: noch immer die nach revolutionäre, nach napoleonische Zeit. Ein Zeitalter der Ruhe, meint er. Auch: ein Zeitalter der Massen, nicht mehr der einzelnen, welche Letztere es umso schwerer haben, sich zu finden und sich durchzusetzen. Übrigens ist er selber durchaus kein Revolutionär, nicht wie sein Jahrgangsgenosse, Georg Büchner."
(Golo Mann in: Die ZEIT 17.12.1982)

Zitate aus den Tagebüchern 
(in Klammern die fortlaufende Nummerierung der ersten Ausgabe)
"Ich fange dieses Heft an nicht allein meinem künftigen Biografen zu gefallen, obwohl ich bei meinen Aussichten auf die Unsterblichkeit gewiss sein kann, dass ich einen erhalten werde. Es soll ein Notenbuch meines Herzens sein und diejenigen Töne, welche mein Herz angibt, getreu, zu meiner Erbauung in künftigen Zeiten aufbewahren. [...]" (1)

"Duften ist das Sterben der Blume." (1909)
"Durch den Dichter allein zieht Gott einen Zins aus der Schöpfung, denn nur dieser gibt sie ihm schöner zurück." (2024)
"Das Weib, sobald es ein Kind hat, liebt den Mann nur noch so, wie er das Kind liebt." 
(2052)
"Selbstverachtung ist nur versteckte Eitelkeit. [...]" (2187)
"Die Welt ist Gottes Sündenfall." (3031)
"Die allgemeinen Schmerzen als persönliche fühlen: großes Unglück!" ((3672)
"Schlaf ist genossener Tod." (3723)

30 April 2023

Lieblingsgedichte der Deutschen

 Piper Verlag

Die Lieblingsgedichte der Deutschen nach einer Hörerumfrage des Westdeutschen Rundfunks aus dem Jahr 2000. Natürlich sind es nur die Lieblingsgedichte der Hörer, die bei dieser Umfrage mitgemacht haben, also die von literarisch Interessierten, die Gedichte mögen.

Bob Dylan-Fans werden dabei nicht in großem Umfang teilgenommen haben.

Naheliegenderweise ist Erich Kästners Berlin in Zahlen* nicht dabei, obwohl ich es dem einen oder anderen der unten genannten vorziehen würe.

1. Hermann Hesse: Stufen 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
 Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, 
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend 
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. 
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe 
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, 
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern 
In andre, neue Bindungen zu geben. 
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. 

 Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, 
An keinem wie an einer Heimat hängen, 
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, 
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten. 
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise 
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; 
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, 
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

 Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde 
Uns neuen Räumen jung entgegen senden, 
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, 
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

2. Joseph von Eichendorff: Mondnacht
3. Rainer Maria Rilke: Herbsttag
4. Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
5. Rainer Maria Rilke: Der Panther
6. Friedrich Schiller: Die Bürgschaft
7. Erich Fried: Was es ist
8. Eduard Mörike: Er ist's
9. Conrad Ferdinand Meyer: Der römische Brunnen
10. Johann Wolfgang Goethe: Der Zauberlehrling
11. Friedrich Hölderlin: Hälfte des Lebens
12. Rainer Maria Rilke: Herbst
13. Matthias Claudius: Abendlied
14. Johann Wolfgang Goethe: An den Mond
15. Johann Wolfgang Goethe: Erlkönig
16. Paul Celan: Todesfuge
17. Joseph von Eichendorff: Wünschelrute
18. Erich Kästner: Der Mai
19. Johann Wolfgang Goethe: Wandrers Nachtlied II
20. Eduard Mörike: Um Mitternacht
21. Johann Wolfgang Goethe: Prometheus
22. Friedrich Hebbel: Herbstbild
23. Friedrich Schiller: Das Lied von der Glocke
24. Otto Ernst: Nis Randers
25. Theodor Fontane: John Maynard
26. Hermann Hesse: Im Nebel
27. Ludwig Uhland: Frühlingsglaube
28. Johann Wolfgang Goethe: Gesang der Geister über den Wassern
29. Theodor Storm: Abseits
30. Hans Carossa: Der alte Brunnen
31. Rainer Maria Rilke: Ich lebe mein Leben
32. Wilhelm Lehmann: Atemholen
33. Joachim Ringelnatz: Die Ameisen
34. Erich Kästner: Sachliche Romanze
35. Anonym: Du bist mîn, ich bin dîn
36. Heinz Erhardt: Die Made
37. Jakob van Hoddis: Weltende
38. Ina Seidel: Trost
39. Gottfried Benn: Nur zwei Dinge
40. Berthold Brecht: Erinnerung an die Marie A.
41. Hilde Domin: Nicht müde werden
42. Annette von Droste-Hülshoff: Der Knabe im Moor
43. Joseph von Eichendorff: Sehnsucht
44. Paul Fleming: An sich
45. Johann Wolfgang Goethe: Gefunden
46. Johann Wolfgang Goethe: Mailied
47. Hugo von Hofmannsthal: Vorfrühling
48. Hugo von Hofmannsthal: Die Beiden
49. Eduard Mörike: Im Frühling
50. Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit
51. Berthold Brecht: An die Nachgeborenen
52. Wilhelm Busch: Selbstkritik
53. Annette von Droste Hülshoff: Am Turme
54. Marie von Ebner-Eschenbach: Ein kleines Lied
55. Andreas Gryphius: Betrachtung der Zeit
56. Kurt Tucholsky: Augen in der Groß-Stadt
57. Eduard Mörike: Gebet
58. August von Platen: Das Grab im Busento
59. Rainer Maria Rilke: Liebes-Lied
60. Joachim Ringelnatz: Ich hab dich so liebe
61. Ludwig Uhland: Des Sängers Fluch
62. Dietrich Bonhoeffer: Von guten Mächten wunderbar geborgen
63. Wilhelm Busch: Ein dicker Sack
64. Adelbert von Chassimo: Das Riesen-Spielzeug
65. Johann Wolfgang Goethe: Willkommen und Abschied
66. Friedrich Hebbel: Sommerbild
67. Johann Gottfried Herder: Ein Traum
68. Else Lasker-Schüler: Ein alter Tibetteppich
69. Christian Morgenstern: Das ästhetische Wiesel
70. Rainer Maria Rilke: Blaue Hortensie
71. Joachim Ringelnatz: Im Park
72. Gottfried Benn: Astern
73. Eduard Mörike: Septembermorgen
74. Anonym: Dunkel war's, der Mond schien helle
75. Gottfried Benn: Reisen
76. Berthold Brecht: Die Liebenden
77. Matthias Claudius: Die Sternseherin Lise
78. Hilde Domin: Nur eine Rose als Stütze
79. Johann Wolfgang Goethe: Mignon
80. Johann Wolfgang Goethe: Wanders Lied I
81. Heinrich Heiner: Ein Jüngling liebt ein Mädchen
82. Heinrich Heine: Das Fräulein stand am Meere
83. Heinrich Heine: Im wunderschönen Monat Mai
84. Heinrich Heine: Leise zieht durch mein Gemüt
85. Herrmann Hesse: Beim Schlafengehen
86. Mascha Kaléko: Sozusagen grundlos vergnügt
87. Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier
88. Christian Morgenstern: Der Lattenzaun
89. Börries von Münchhausen: Lederhosen-Saga
90. Rainer Maria Rilke: Advent
91. Joachim Ringelnatz: Arm Kräutchen
92. Eugen Roth: Ein Mensch
93. Gustav Schwab: Das Gewitter
94. Kurt Schwitters: An Anna Blume
95. Georg Trakl: Verklärter Herbst
96. Kurt Tucholsky: Ideal und Wirklichkeit
97. Walther von der Vogelweide: Ich saz ûf eime steine
98. Theodor Fontane: Die Brücke am Tay
99. Rose Ausländer: Nicht fertig werden
100. Joachim Ringelnatz: Überall
*Erich Kästner (1899-1974)

Berlin in Zahlen [1931]

Laßt uns Berlin statistisch erfassen!
Berlin ist eine ausführliche Stadt,
die 190 Krankenkassen
und 916 ha Friedhöfe hat.

53 000 Berliner sterben im Jahr,
und nur 43 000 kommen zur Welt.
Die Differenz bringt der Stadt aber keine Gefahr,
weil sie 60 000 Berliner durch Zuzug erhält.
Hurra!

Berlin besitzt ziemlich 900 Brücken
und verbraucht an Fleisch 303 000 000 Kilogramm.
Berlin hat pro Jahr rund 40 Morde, die glücken.
Und seine breiteste Straße heißt Kurfürstendamm.

Berlin hat jährlich 27 600 Unfälle.
Und 57 600 Bewohner verlassen Kirche und Glauben.
Berlin hat 606 Konkurse, reelle und unreelle,
und 700 000 Hühner, Gänse und Tauben.


Berlin hat jährlich 27 600 Unfälle.
Und 57 600 Bewohner verlassen Kirche und Glauben.
Berlin hat 606 Konkurse, reelle und unreelle,
und 700 000 Hühner, Gänse und Tauben.
Halleluja!


Berlin hat 20 100 Schank- und Gaststätten,
6300 Ärzte und 8400 Damenschneider
und 117 000 Familien, die gern eine Wohnung hätten.
Aber sie haben keine. Leider.

Ob sich das Lesen solcher Zahlen auch lohnt?
Oder ob sie nicht aufschlußreich sind und nur scheinen?
Berlin wird von 4 500 000 Menschen bewohnt
Und nur, laut Statistik, von 32 600 Schweinen.
Wie meinen?

(zitiert nach: Berlin. 100 Gedichte aus 100 Jahren Aufbau Verlag 1987)


27 Juli 2011

Die Siegfriedsage, der Tourismus und der Nagel im Nibelungenlied

Im Zuge der Tourismuswerbung findet man die Nibelungensage nicht nur verkürzt auf großen Tafeln am Nibelungensteig angebracht. Jüngst begegenete sie mir in noch weiter verkürzter Form auch auf einer Speisekarte, auf der ein Waberlohe-Eis (mit Himbeergeist) und ein Fafnirsteak ("dabei wird es dem Ritter heiß in seiner Rüstung") angeboten wurden.
Über den Kampf mit Brunhild heißt es darin, Siegfried habe sie mit Hilfe einer Tarnkappe besiegt. Unerklärlich bleibt dem Leser dabei, dass sie danach Gunther zum Mann nimmt, obwohl sie geschworen hat, nur den zu heiraten, der sie besiegen kann. Denn von der Vortäuschung eines Kampfes mit Gunther ist mit keinem Wort die Rede.
Mancher Leser will dann vielleicht wissen, "wie es wirklich war". Angebote dafür gibt es genug.
So berichtet im mittelalterlichen Nibelungenlied Gunther seinem Schwager Siegfried über seine Hochzeitsnacht, Brunhild sei ein Teufel und habe ihn an einen Nagel an die Wand gehängt. ("ich han láster unde schaden,/ want ich hán den übeln tiuvel heim zu hûse geladen./ do ich si wânde minnen vil sêre si mich bant./ si truoc mich zeinem nagele und hie mich hôhe an die want." (Strophe 649)

In der Edda, in der Thidreksaga, in ungezählten Nacherzählungen der Sage, z.B. im Volksbuch vom gehörnten Siegfried), dann bei Hebbel und schließlich in Wagners Ring des Nibelungen  liest man freilich immer wieder anderes.

Haben Sie vielleicht Lust, die verschiedenen Gestaltungen der Sage zu vergleichen?

10 August 2007

Stifter: Nachsommer

Es fällt relativ leicht, die Nähe des Textes zum Kitsch zu erkennen. Die Komik mancher Formulierungen, das Gesuchte und zugleich von Wiederholungen Bestimmte der Sprache bemerken wir auch.
Und doch scheint mir auch erkennbar, dass etwas darüber hinausweist, dass der Stilwille zur geradezu manierierten Einfachheit und andererseits zur höchst künstlichen (ja uns gekünstelt erscheinenden) Gefühlsdarstellung nicht einfach nur unecht ist, auch wenn der Autor sein eigenes Leben nicht nach diesen ästhetischen Idealen zu gestalten vermochte.

"Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, dass er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen," meinte Friedrich Hebbel 1858 über diesen Roman.
Nun war die Krone Polens schon damals nichts wert. Doch langweilig ist der Roman gewiss. So langweilig, dass er mich immer wieder dazu bringt, darin zu lesen, während die meisten spannenden Bücher für Erwachsene nur für einmaliges Lesen taugen.
Mit Flauberts Madame Bovary und Baudelaires Les Fleurs du Mal, die alle 1857 erschienen, hat man den Roman als ein frühes Beispiel der Moderne gesehen.

21 Januar 2026

Günther de Bruyn: Vierzig Jahre

 Günter de Bruyn lese ich zwar nicht täglich, aber immer wieder mit Freude und Gewinn, diesmal "Vierzig Jahre" (1996) der Band seiner Autobiographie, der mich noch mehr "anmachte" als "Zwischenbilanz" (1992). 

Als die DDR gegründet wurde, war Günter de Bruyn 22, als der Staat von der politischen Bühne abtrat, 63 Jahre alt. Die vierzig Jahre, die dazwischen liegen und den größten Teil seines bewußten Lebens ausmachen, hat de Bruyn in der DDR verbracht. In diesem Buch berichtet er so offen, so uneitel, ruhig und gewissenhaft, wie dies bislang wohl noch nie geschah, vom Leben eines Bürgers in einem diktatorischen Staat und setzt damit seine vielbeachtete autobiographische Zwischenbilanz fort.

»Wenn man unter den deutschsprachigen Schriftstellern unserer Jahrzehnte denjenigen auszeichnen wollte, der die Arroganz bis zum letzten Hauch aus seiner Sprache getilgt und die Fairneß zur Arbeitsmoral erhoben hat, gehörte Günter de Bruyn der Preis.«
Sibylle Wirsing, "Frankfurter Allgemeine"

YouTube zu de Bruyn                                                 Foto u. Text anlässlich seines Todes  

W.Thierse über de Bruyn besonders Min. 52ff.

Zunächst steht hier nur verkürzt der Text einer KI (hier der vollständige Text), Zitate habe ich schon vorgemerkt, sie folgen, wenn ich Zeit dafür finde.

Über seinem Freund Herbert: das Porträt einer lebenslangen Freundschaft, die von den politischen und gesellschaftlichen Spannungen der DDR geprägt war. Die beiden lernten sich während der Zeit des Nationalsozialismus kennen, überlebten den Krieg und suchten in der frühen DDR nach Orientierung. Während de Bruyn den Weg des Schriftstellers einschlug, blieb Herbert eine Art "Gegenentwurf" – ein Mensch, der versuchte, im Privaten integer zu bleiben, während er im System der DDR zunehmend zerrieb. Herbert verkörpert für de Bruyn das Schicksal derer, die innerlich nicht mit dem System konform gingen, aber auch keinen offenen Widerstand leisteten. Er steht für geistige Unabhängigkeit, die ihn oft in Konflikt mit den Erwartungen der SED-Diktatur brachte, so dass er "Verlierer" der Geschichte wurde.

De Bruyn beschreibt die Beziehung zu Herbert mit einer Mischung aus Bewunderung, Mitleid und Selbstkritik, um die stickige Atmosphäre der DDR-Provinz und die Enge des damaligen Denkens spürbar zu machen.

Zitate:

Herbert: Der Nachtgefährte.

Nach Herberts Tod waren meine Träume von ihm belebt. [...]Seite 51

Da meine Traumerfahrung mit Toten besagte, dass sie sich rar machten, mit den Jahren, um schließlich mit ihrem völligen Wegbleiben den zweiten Tod, den des Vergessens, zu sterben, nahm ich mir vor, ihn im Roman weiterleben zu lassen, Doch wurde nur ein Bündel Fragmente daraus.

In ihnen führte Herbert den Namen Krautwurst, der das seltsame seiner Erscheinung ausdrücken sollte. (S. 52)

"Was unser Verhältnis so fruchtbar machte, war die Verschiedenheit unserer geistigen Wege, auf denen wir zu ähnlichen Positionen gelangt waren. Ihm war meine katholische / Herkunft so fremd wie mir die sozialdemokratischen Einflüsse, die sein Vater auf ihn ausgeübt hatte. Meine religiös-romantisch Jugend bewegte Entwicklungsphase war ihm unverständlich, während ich seine Swing-Begeisterung, zu der auch lange Haare, elegante Sakkos und Nächte im 'Mokka. Efti' gehörten, nur mit Befremden zur Kenntnis nahm. [...] Mit Begeisterung aber hatte er auch die mir nicht vertrauten Grillparzer und Hebbel gelesen, sich mit Malern, die als entartet galten, beschäftigt und sich zum Kenner des literarischen Expressionismus entwickelt, während ich vorwiegend Storm gelesen hatte und nur bis zu Arno Holz gelangt war. Nach dem Krieg trafen sich bei Thomas Mann unsere Interessen, doch wurde dieser bei ihm bald überflügelt durch Kafka, Musil und Joyce. [...] Wir verfolgten beide die westdeutsche Literatur, "in der mich vor allem Böll vom ersten Buch an faszinierte, während Herbert lediglich Nossack gerade noch gelten ließ. In der Ablehnung Brechts waren wir einig, besuchten aber jede seiner Aufführungen. [...]"(S. 55/56)

Umwertung, der Werte

Wie die Demokratie und die Nationalstaaten, die Dampfmaschine, der Jazz und die Jeanesmode, war auch die Freihandbibliothek aus dem Westen gekommen und in Deutschland anfangs vorwiegend auf Ablehnung gestoßen; denn zu den pädagogischen Idealen der Volksbüchereien, wie sie besonders in Leipzig gepflegt worden waren, passte sie schlecht. [...] (S.56)

"Herberts Begabung lag so ausschließlich im Mündlichen und Dialogischen, dass er ohne ein Gegenüber nur wenig zu Stande brachte, kaum einen Brief. [...] Nur im Gegenwart anderer konnte er sich zusammenreißen und sich auf anderes, als ich selbst konzentrieren." (S.59)

Denn in dem politisch und ideologisch belebten Jahr 1956, in dem mit dem Schwinden des / Stalin-Mythos auch Parteiblinde sehend wurden, Starrheiten, sich lösten und antidogomatische Aufsätze von Lucácz und Mayer selbst im Institut diskutiert werden durften, hatte ich nach der blutigen Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes, den Prozessen gegen Intellektuelle und der erneuten Dogmatisierung manches widerliche Zu-Kreuze-Kriechen erlebt.

Als Parteiloser konnte ich wenigstens schweigen. Schon die erste Stufe einer Karriere wäre aber mit Parteimitgliedschaft verbunden gewesen. Die aber lag für mich außerhalb jeder Erwägung. Wenn mir Genossen erklärten, man müsse in die Partei gehen, um sie zu verändern, hatte ich immer den Eindruck von Selbstrechtfertigung oder Selbstbetrug."         (S.61/62)

Wanderungen und Wandlungen

"[...] Dass ich gegen Ende der fünfziger Jahre auch viele Urlaubstage mit Herbert verbrachte, war für Ilse eine Entlastung, geschah aber nicht etwa ihretwegen oder aus Mitleid mit ihm. Unsere gemeinsamen Wochen auf Landstraßen und Waldwegen waren für mich, trotz vieler Regen und / Hungertage, die sorglosesten, heitersten und anregendsten dieser Jahre, und auch er war wohl, wenn wir unterwegs waren, zeitweilig seine Seelenqual los. Da er als Kind weder Schwimmen noch Radfahren gelernt hatte, verzichteten wir auf die Fahrräder und wurden zu Wanderern. Denn erstaunlicherweise war Herbert trotz seiner Lädierung ein ausdauernder Fußgänger, dem aber der Begriff Wandern zu pathetisch und zu altmodisch erschien. Er nannte es Vagabundieren, traf aber damit nur unseren Geldmangel und unsere äußere Erscheinung, nicht aber das Wohlorganisierte und Bildungsbelissene, dass uns zu Kirchen, Schlössern und historisch bedeutsamen Orten trieb.

Sparsame Leute waren wir beide. [...] 

Um nicht zugeben zu müssen, dass er Angst vor Urlaubseinsamkeit hatte, gab Herbert vor, nur der Billigkeit wegen diese Fußmärsche mitzumachen, die er, wenn sie ins Grüne gingen, unsinnig nannte; denn von Natur hielt er angeblich nicht viel. Das entsprach unserer selbstparodistischen Rollenverteilung, die wir uns nach Erzählungen über unsere Jugendentwicklung zurechtgemacht hatten: ich war Romantiker, Vergangenheitsschwärmer, Naturbursche, er Kulturfanatiker, Dekadenter, Swingheini; was ihm Barhocker und Blues waren, waren für mich Waldteiche und Volkslieder. Nur in der Kunst, auch der sakralen, trafen wir uns, ohne aus dem Rollen zu fallen. Sie gab unseren Unternehmungen, Sinn und Ziel."   (S. 65).

"Der aufwändigste Teil der Planung aber war die Reservierung von Schlafplätzen. Noch gab es keine Hotelführer, und als es die ersten gab, waren sie unzuverlässig, weil die größeren Häuser durch Enteignung oder Westflucht ihrer Besitzer zu Betriebsheimen, Büros oder  Parteischulen umfunktioniert wurden und die Dorfgasthäuser ihren Betrieb einstellten, dadurch Steuerdruck und Preisregulierung daran nichts zu verdienen war. Die Vernichtung des privaten Gaststättengewerbes erschwerte das individuelle Reisen. In touristisch erschlossenen Gebieten, wie dem Harz und dem Spreewald, war es manchmal nicht möglich, auch nur einen Kaffee zu trinken; denn in den Gaststätten mussten Kollektive / versorgt werden; da war für 'wilde Reisende', wie wir genannt wurden kein Platz. [...] Wir erlebten zerschlissene Hoteleleganz der Jahrhundertwende, Betriebsheimödnisse und Strohschütten in Sportlerherbergen; und mehr als drei Mark für die Nacht bezahlten wir nie. Z...]. Oft narrten uns unsere Landkarten, entweder weil sie alt waren und beispielsweise die Bodetalsperre im Harzvorland noch nicht verzeichneten, oder weil sie neu und bewusst falsch waren und die Truppenübungsplätze verschwiegen, deretwegen ein Fünftel der Mark abgesperrt war. [...] Zwischen Brennnesseln und Holunderbüschen auf Fundamentresten sitzend, bewunderten wir im Geiste, was wir auf alten Bildern gesehen hatten, und kamen uns donquichotisch vor. Der Schönheit der Vergangenheit wegen, liefen wir uns die Füße blutig und kamen doch immer nur in der tristen Gegenwart an." (S. 66/67).

"Da keiner von uns missionarische oder rechthaberische Neigungen hatte, und jeder neugierig war, auf den anderen, aber nicht urteilen wollte, führten wir eher Vergleichs- als Streitgespräche und verdoppelten unser Wissen und unsere Erfahrung dabei." (S. 68).



sieh auch: https://fontanefan3.blogspot.com/search/label/G%C3%BCnter%20de%20Bruyn

30 April 2018

Hebbel über die Kindheit

"Das Kind hat eine Periode, und sie dauert ziemlich lange, wo es die ganze Welt von seinen Eltern, wenigstens von dem immer etwas geheimnisvoll im Hintergrund stehenbleibenden Vater abhängig glaubt und wo es sie ebenso gut um schönes Wetter wie um ein Spielzeug bitten könnte. Diese Periode nimmt natürlich ein Ende, wenn es zu seinem Erstaunen die Erfahrung macht, daß Dinge geschehen, welche den Eltern so unwillkommen sind wie ihm selbst die Schläge, und mit ihr entweicht ein großer Teil des mystischen Zaubers, der das heilige Haupt der Erzeuger umschließt, ja es beginnt erst, wenn sie vorüber ist, die eigentliche menschliche Selbstständigkeit. (in: Kindheiten, dtv 1459, Seite 64) 

"Schon in der Kleinkinderschule finden sich alle Elemente beisammen, die der reifere Mensch in potenzierterem Maße später in der Welt antrifft. Die Brutalität, die Hinterlist, die gemeine Klugheit, die Heuchelei, alles ist vertreten, und ein reines Gemüt steht immer so da wie Adam und Eva auf dem Bilde unter den wilden Tieren. Wieviel hiervon der Natur, wieviel der ersten Erziehung oder vielmehr der Verwahrlosung von Haus aus beizumessen ist, bleibe hier unentschieden: Die Tatsache unterliegt keinen Zweifel. Das war auch in Wesselburen der Fall." (in: Kindheiten, dtv 1459, Seite 66)



Mehr zu Kindheit

28 Mai 2012

Heil ist unserm Haus begegnet ...


›Heil ist unserm Haus begegnet,
Und ein Brautpaar kommt gefahren,
Herr, ich bring Euch Eure Kinder!‹
Keiner soll den Tag vergessen!
Zur Erinnrung soll der Kater
Hiddigeigei eine echte
Italien'sche Rauchwurst fressen,
Und zum ewigen Gedächtnis
Muß der Herr Schulmeister mir ein
Feingedrechselt Lied verfert'gen,
's kommt mir nicht drauf an, es darf selbst
Zwei Brabanter Taler kosten.
Und am Schlusse muß es heißen:
    ›Liebe und Trompetenblasen
    Nützen zu viel guten Dingen,
    Liebe und Trompetenblasen,
    Selbst ein adlig Weib erringen;
    Liebe und Trompetenblasen,
    Mög' es jedem so gelingen,
    Wie dem Herrn Trompeter Werner
    An dem Rheine zu Säkkingen!«

(V. v. Scheffel: Trompeter von Säckingen, Schluss)

Der Trompeter wird nach zunächst erfolgloser Werbung in Italien vom Papst geadelt und kann nun seine Geliebte heiraten. Das Motiv der Liebe über Standesgrenzen hinweg wurde in der Literatur des 19. Jahrhunderts sonst weniger sentimental verarbeitet (vgl. u.a. Hebbel: Agnes Bernauer (1851) und Fontane: Irrungen, Wirrungen, 1888)



31 März 2019

Klaus Kinski: Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund


KlausKinski:  Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund

[...] Ich spreche das Neue Testament:
"Gesucht wird Jesus Christus. Angeklagt wegen Diebstahl, Verführung Minderjähriger, Gotteslästerung, Schändung von Kirchen, Beleidigung von Obrigkeiten, Missachtung der Gesetze, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Umgang mit Huren und Kriminellen ..."
In diesem Augenblick pöbelt jemand aus dem Zuschauerraum. Ich kann den Kerl nicht sehen. Ich bin von unerträglich starken Scheinwerfern geblendet, die alle auf mich gerichtet sind. Der nichtendenwollende Zuschauerraum der Deutschlandhalle in Berlin ist eine pechschwarze, undurchsichtige Wand.
"Komm her, wenn du was zu sagen hast", rufe ich in die Dunkelheit. "Sonst bleib auf deinem Hintern sitzen und halt den Mund!"
Was will er? Will er sich wichtig tun? Hier ist nichts wichtig als das was ich vor zu tragen habe. Ich bin gekommen die abenteuerlichste Geschichte der Menschheit zu erzählen: das Leben von Jesus Christus. Diesen Zigeuner und Abenteurer, der sein Leben lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen Menschen zu verfaulen. Dieser furchtlose, modernste aller Menschen, der so ist, wie wir alle sein wollen. Du und ich. [...]
Ich reiße diesem Dummkopf das Mikrofon aus der Hand und gebe ihm einen Stoß. Denn er will mir weder das Mikro zurückgeben, noch will er von der Bildfläche verschwinden.
Den Rest besorgen meine Jungs, die dafür da sind, jeden der stört, rauszufeuern. Als er sich auch mit Ihnen anlegt, werfen Sie ihn einfach die Treppe runter. (
S. 9)

Kinderhölle
Ich werde in ein Heim verschickt, weil ich noch nicht zur Schule gehe und damit die anderen mehr zu essen und mehr Platz zum Schlafen haben. Vor allem aber, weil meine Mutter so naiv ist und glaubt, dass ich in dem sozialen Kinderheim endlich genug zu essen kriege. Dieses so genannte Heim, das sich 50 Kilometer außerhalb Berlins befindet und das in Wirklichkeit so etwas wie ein Zuchthaus für kleine Kinder ist, nenne ich die Kinderhölle.
Die Folterknechte, die uns betreuen, sind unbefriedigte sadistische Weiber. Sie schlagen uns mit Rohrstöcken auf die Hände und über den Kopf, wenn wir den Fraß nicht herunterwürgen können. Ich werde nie begreifen, was diese Menschenkinder dazu treibt, uns zu zwingen, Fettstücke zu schlucken, deren penetranter Geruch oder bloßer Anblick mich schon zum Erbrechen bringt. (
S. 44)
"Die Paris-Bar in der Nähe der Gedächtniskirche will schließen. Ich tanze mit einer polnischen Zigeunerin. Der Himmel hat sie mir geschickt. Sie kam vor 10 Minuten ins Lokal. Sie ist Schönheitstänzerin in einem Nachtklub am Savignyplatz und wohnt in einer Pension gleich um die Ecke. gleich um die Ecke. Ich fasse Sascha in die Tasche und nehme mir so viel, wie ich für die Polin brauche.
Ich habe noch mit keiner Zigeunerin geschlafen. [...] Sie spricht ganz wenig und nur, wenn es unbedingt nötig ist. Außerdem verstehe ich ihr Kauderwelsch kaum." (S. 94/95)

Man könnte meinen, ich liege nur in Betten rum
Das stimmt nicht ganz. Ich schließe mich oft wochenlang in ein Zimmer ein und gehe nicht einen Schritt auf die Straße in dieser Zeit lerne ich Texte und mache Sprachübungen. zehn, zwölf, vierzehn Stunden täglich. Oder die ganze Nacht. Wenn die Nachbarn sich beschweren, und als sie tun sie immer, muss ich aus dem jeweiligen Zimmer raus. Ich wechsel die Zimmer öfter als die Mädchen. In einem Monat muss ich zweiunddreißig Mal umziehen. Aus einem Zimmer muss ich noch am selben Tag wieder raus. [...] wenn ich bei den Sprachübungen müde werde oder ein mir selbst gestelltes Pensum nicht erreiche, schlage ich mir ins Gesicht, um mich zu bestrafen. Ich muss es schaffen. Ich muss! Ich werde es beweisen.
Alfred Brown, der ehemalige Star-Reporter des Berliner Rundfunks, inszeniert mit mir Romeo und Julia. Ich bekomme für das Hörspiel dreitausend Mark. Von dem Geld miete ich mir mein eigenes Atelier. Eigentlich ist es eine Waschküche in einem Haus in Friedenau. Aber der Raum hat ein großes Atelierfenster, durch das viel Licht reinflutet. Ich streiche die Bude weiß und schrubbe den Fußboden. Ich habe ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und ein eigenes Klo, auf dem ich mich unter dem Wasserhahn wasche. Mehr brauche ich nicht. Mein bisschen Wäsche wasche ich selbst.
Ich laufe Kilometer weit zu Fuß, um immer Sonnenblumen bei mir zu haben. Wenn sie vertrocknet sind, lege ich sie aufs Fensterbrett, wo sie weiterglühen. (S.95/96) 

Ich mache den größten Schauspieler des 20. Jahrhunderts Platz aus ihm

Jürgen Fehling, der genialste lebende Theaterregisseur, ruft mich zu sich. Ich spreche 7 Stunden lang vor.
Es ist 6 Uhr abends. Das Bühnenpersonal kommt bereits ins Hebbel-Theater, um die Abendvorstellung vorzubereiten. Fehling gibt mir eine junge Platzanweiserin auf die Bühne, damit ich mit ihr die Sterbeszene aus Romeo und Julia spiele.
Du hältst den Schnabel, sagt ihr zu dem verdatterten Mädchen. Etwa egal, was Kinski mit dir macht, du bleibst leblos wie ein Stück Holz, gibts keinen Pieps von dir. Ich will nur seine Stimme hören.
Es ist 7 Uhr. Wir müssen abbrechen. Nach dem Aufschrei des Franz Moore aus den Räubern ruft Fehling:
"Halt! Schone deine Stimme!" Nach 7 Stunden!
Aber dieser Mann ist unersättlich. Wir gehen in eine Garderobe, und ich muss ihm aus dem Telefonbuch vorlesen. Ich lese und lese und bringe ihn zum Lachen und zum Weinen.
Fehling lässt mich nicht mehr aus den Krallen. Ich ziehe wochenlang Tag und Nacht mit ihm herum, sehe seinen Proben zu, gehe mit ihm essen. Er spricht und spricht, und ich hänge an seinen Lippen. Dieser Mann ist so liebevoll zu mir, wie mein eigener Vater nicht liebevoller hätte sein können. Gott strafe die großmäuligen Schweine, die dieses Genie mit Steinen aus Berlin vertreiben!
Nach so einem sensationellen Erfolg mit den Fliegen von Sartre hat Fehling eine große Macht. Er soll Intendant des Hebbeltheaters werden.
"Wenn ich Intendant bin, werde ich an allem sparen, an Kulissen, an Kostümen, an dieser Pestilence von herum stinkenden den Beamten und dem ganzen übrigen Plunder, er regt er sich als wir in der Ecke einer Kneipe sitzen, nur nicht an der Garage für meine Schauspieler. Sie sollen alles haben, was sie brauchen. Alles! Dann werde ich alles von ihnen verlangen, und sie werden die Kraft haben, mir alles zu geben." ( S.99/100)

"Das Deutsche Theater ist eines der schönsten der Welt, wenn nicht das allerschönste überhaupt. [...]
Ein junger Schauspieler ist noch völlig chaotisch. Er muss sich langsam aus dem Gefühl seiner Empfindungen herausarbeiten. Man glaubt, an den Schlingpflanzen seiner Seele zu ersticken. Ich habe niemanden, der mir hilft, keinen Lehrer, keinen, der mir wirklich etwas beibringen kann. Das ist für mich beklemmender als die Visionsszene.
Bei der Premiere kommt alles von selbst. Ich habe das Geheimnis enträtselt: man muss stillhalten. Man muss ganz ruhig werden und sich der Situation der Szene nur unterordnen, die Umgebung, die Personen auf sich wirken lassen, sich besinnen, wo man ist. Der Text kommt dann ganz von allein. Und der Sinn des Textes bestimmt die Erschütterungen deiner Seele. Das übrige besorgt das Leben, das man leben muss ohne sich zu schonen.
Nie vergesse ich auf einer Bühne ein einziges Wort von meinem Text oder brauche einen Souffleur. Nicht nur, weil mein Gedächtnisses nie aussetzt, sondern weil die Worte sich aus dem Geschehen formen. Dazu gehört natürlich eine grenzenlose Fantasie, die man, wenn sie sich zu entfalten beginnt, gegen alle äußeren Einflüsse abkapseln muss, um sie nicht zu irritieren. Das fordert seinen Preis. Man wird so über sensibel, dass man unter normalen Umständen gar nicht mehr leben kann. Deshalb sind die Stunden zwischen den Vorstellungen die schlimmsten. Oder man hat das mörderische Pech, an ein Theater oder einen Partner zu geraten, die durch ihre Grobheit dieses feine Gewebe, aus dem die größte Kraft des Schauspielers erwächst, zerstören. Dann wird man entweder das Opfer oder man wehrt sich seiner Haut. In beiden Fällen leidet man wie ein Vieh. Auch das Publikum ist sich dessen oft nicht bewusst, begreift oft nicht, dass es zusammen arbeiten muss mit dem Schauspieler, der bereit ist, vor ihm zu verbluten. Dass die Zuschauer ihm durch ihre Andacht helfen müssen, die letzte Scham, die letzte Angst abzuwerfen. Dass sie an dem Erfolg beteiligt sind. Dass sie selbst bestimmen, ob ein Schauspieler das Höchste geben kann, was Sie von ihm verlangen, oder ob er sich in sich selbst zurückzieht, um nicht aus der schwindenden Höhe in die Tiefe zu stürzen, aus der ihn niemand herauf holen kann.
Das sind keine Phrasen. So ist es und nicht anders! [...]" (S.106/07)


Das Geschwür
[...] 
In Marseille gehe ich zuerst du auf den arabischen Markt, um meinen Anzug zu verscheuern. Von dem Geld will ich mir Marinezeug kaufen und von dem, was übrig bleibt, was Warmes essen. Die Araber reißen mir den Anzug förmlich vom Leib und bieten mir (umgerechnet) 20 Mark. Die sind ja verrückt! Der Anzug ist fast neu und hat 600 Mark gekostet. Ich gehe ins Leihhaus, um zu fragen, was ich dafür bekommen würde. Vor dem Leihhaus, das noch nicht geöffnet hat, steht eine endlose Schlange. Als ich endlich dran bin, wird schon wieder geschlossen. Aber die Ratte am Schalter sagt, dass er denselben Preis bietet wie die Araber auf dem Markt. Also gehe ich zu den Arabern zurück, schließe den Handel ab, suche mir an einer Verkaufsbude gebrauchte Arbeitshose, Pullover und Jacke aus, lass den Araber für mich bezahlen und gehe mit ihm in eine öffentliche Pinkelbude, wo ich mich umziehe und das restliche Geld für den Anzug in Empfang nehme. [...]
Ab jetzt habe ich nichts anderes mehr im Sinn als ein Schiff zu finden, so schnell wie möglich. Aber das ist nicht leicht. In den Hafen darf man nicht ohne spezielle Genehmigung, und die Schifffahrtbüros, die Matrosen anheuern, sind überfüllt von arbeitslosen Matrosen, die sich um die freien Plätze schlagen. Mich guckt überhaupt keiner an, geschweige, dass einer mit mir spricht. Ich versuche es bei englischen und amerikanischen Gesellschaften, aber die nehmen nur Engländer oder Amerikaner. Ich versuche es als Hafenarbeiter und schleppe elf Tage gemeinsam mit afrikanischen Negern Säcke.. Mit dem Geld gehe ich zu den Huren von Marseille. Obwohl diese Mädchen nicht wählerisch sein können und mit Matrosen und Arbeitern aller Rassen schlafen, die aus allen Winkeln der Erde kommen und sicher alle erdenkbaren Krankheiten einschleppen, ficke ich sie nicht nur ohne Gummi, sondern lecke sie auch. Ich weiß, das es unverantwortlich leichtsinnig ist, was ich tue. Aber ich will sie lieben, ich will, dass sie fühlen, dass ich sie liebe und dass ich Liebe brauche. Dass ich krank bin nach Liebe." (S.168/69)

Wenn man Klaus Kinskis Autobiographie folgt, dann glaubt er wirklich daran, dass "man leben muss ohne sich zu schonen", weil nur das bewirkt, dass auf der Bühne der Text die notwendigen "Erschütterungen deiner Seele" hervorrufen kann. Zumindest will er im Leser den Eindruck erwecken. 

Dafür stellt er sich unter Verwendung aller üblichen Klischees der Pornoliteratur als so sexgetrieben dar, dass man nicht recht glauben kann, dass er seine Sexualpartnerinnen wirklich so hemmungslos missbraucht. 
Nach der #MeToo-Debatte fällt es schwer sich klar zu machen, dass er so schreiben konnte, ohne ernsthaft zu befürchten, dass der sexuelle Missbrauch seiner Tochter Pola ihn seine Karriere kosten würde. 
Sie schrieb erst als 60-Jährige darüber

14 Januar 2023

Stifter: Der Nachsommer - ein Versuch, den Zugang zum Roman zu erleichtern

Dieser Blogbeitrag ist eine Übernahme des Artikels, den ich am 10.8. 2007 in das ZUM-Wiki eingestellt habe. (Bisher 8.427 mal abgerufen.) 

 Er soll den Zugang zu dieser Textzusammenstellung bewahren, wenn er dort gelöscht worden ist.

Am Brunnen

Endlich sagte sie: »Wir haben von dem Angenehmen dieses Ortes gesprochen und sind von dem edlen Steine des Marmors auf die Edelsteine gekommen; aber eines Dinges wäre noch Erwähnung zu tun, das diesen Ort ganz besonders auszeichnet.«
»Welches Dinges?« »Des Wassers. Nicht bloß, daß dieses Wasser vor vielen, die ich kenne, gut zur Erquickung gegen den Durst ist, so hat sein Spielen und sein Fließen gerade an dieser Stelle und durch diese Vorrichtungen etwas Besänftigendes und etwas Beachtungswertes.« »Ich fühle wie ihr«, antwortete ich, »und wie oft habe ich dem schönen Glänzen und dem schattenden Dunkel dieses lebendigen flüchtigen Körpers an dieser Stelle zugesehen, eines Körpers, der wie die Luft wohl viel bewunderungswürdiger wäre als es die Menschen zu erkennen scheinen.« »Ich halte auch das Wasser und die Luft für bewunderungswürdig«, entgegnete sie, [...]
»Was kann euch denn an diesem Orte Schmerz erregen?« fragte sie. »Natalie«, antwortete ich, »es ist jetzt ein Jahr, daß ihr mich an dieser Halle absichtlich gemieden habt. Ihr saßet auf derselben Bank, auf welcher ihr jetzt sitzet, ich stand im Garten, ihr tratet heraus und ginget von mir mit beeiligten Schritten in das Gebüsch.« Sie wendete ihr Angesicht gegen mich, sah mich mit den dunklen Augen an und sagte: »Dessen erinnert ihr euch, und das macht euch Schmerz?« »Es macht mir jetzt im Rückblicke Schmerz und hat ihn mir damals gemacht«, antwortete ich. »Ihr habt mich ja aber auch gemieden«, sagte sie. »Ich hielt mich ferne, um nicht den Schein zu haben, als dränge ich mich zu euch«, entgegnete ich. »War ich euch denn von einer Bedeutung?« fragte sie. »Natalie«, antwortete ich, »ich habe eine Schwester, die ich im höchsten Maße liebe, ich habe viele Mädchen in unserer Stadt und in dem Lande kennen gelernt; aber keines, selbst nicht meine Schwester, achte ich so hoch wie euch, keines ist mir stets so gegenwärtig und erfüllt mein ganzes Wesen wie ihr.« Bei diesen Worten traten die Tränen aus ihren Augen und flossen über ihre Wangen herab. Ich erstaunte, ich blickte sie an und sagte: »Wenn diese schönen Tropfen sprechen, Natalie, sagen sie, daß ihr mir auch ein wenig gut seid?« »Wie meinem Leben«, antwortete sie. Ich erstaunte noch mehr und sprach: »Wie kann es denn sein, ich habe es nicht geglaubt.« »Ich habe es auch von euch nicht geglaubt«, erwiderte sie. »Ihr konntet es leicht wissen«, sagte ich. »Ihr seid so gut, so rein, so einfach. So seid ihr vor mir gewandelt, ihr waret mir begreiflich wie das Blau des Himmels, und eure Seele erschien mir so tief wie das Blau des Himmels tief ist. [...]
»Und nun hat sich alles recht gelöset.« »Es hat sich wohl gelöset, meine liebe, liebe Natalie.« »Mein teurer Freund!« Wir reichten uns bei diesen Worten die Hände wieder und saßen schweigend da.

Nachsommer, Der Bund
Auf dem Weg
An dieser Stelle sah ich jetzt, daß mir eine Gestalt, welche mir früher durch Baumkronen verdeckt gewesen sein mochte, entgegen kam, welche die Gestalt Nataliens war. [...]
»Es ist recht schön«, sprach sie, »daß wir gleichzeitig einen Weg gehen, den ich heute schon einmal gehen wollte, und den ich jetzt wirklich gehe.«
»Wie habt ihr denn die Nacht zugebracht, Natalie?« fragte ich. »Ich habe sehr lange den Schlummer nicht gefunden«, antwortete sie, »dann kam er doch in sehr leichter, flüchtiger Gestalt. Ich erwachte bald und stand auf. Am Morgen wollte ich auf diesen Weg heraus gehen und ihn bis über die Felderanhöhe fortsetzen; aber ich hatte ein Kleid angezogen, welches zu einem Gange außer dem Hause nicht tauglich war. Ich mußte mich daher später umkleiden und ging jetzt heraus, um die Morgenluft zu genießen.« [...]
Wir gingen langsam auf dem feinen Sandwege dahin, an einem Baumstamme nach dem andern vorüber, und die Schatten, welche die Bäume auf den Weg warfen, und die Lichter, welche die Sonne dazwischen legte, wichen hinter uns zurück. Anfangs sprachen wir gar nicht, dann aber sagte Natalie: »Und habt ihr die Nacht in Ruhe und Wohlsein zugebracht?« »Ich habe sehr wenig Schlaf gefunden; aber ich habe es nicht unangenehm empfunden«, entgegnete ich, »die Fenster meiner Wohnung, welche mir eure Mutter so freundlich hatte einrichten lassen, gehen in das Freie, ein großer Teil des Sternenhimmels sah zu mir herein. Ich habe sehr lange die Sterne betrachtet. Am Morgen stand ich frühe auf, und da ich glaubte, daß ich niemand in dem Schlosse mehr stören würde, ging ich in das Freie, um die milde Luft zu genießen.«
»Es ist ein eigenes erquickendes Labsal, die reine Luft des heiteren Sommers zu atmen«, erwiderte sie. »Es ist die erhebendste Nahrung, die uns der Himmel gegeben hat«, antwortete ich.

Der Nachsommer, Die Entfaltung


Gustav und Mathilde: Die Liebeserklärung

Die Liebeserklärung zwischen Gustav und Mathilde, den Liebenden der vorigen Generation, war nicht so abgeklärt gewesen.
Sie fragte mich, ob ich denn nicht gerne in die Stadt gehe.
Ich sagte, daß ich nicht gerne gehe, daß es hier gar so schön sei, und daß es mir vorkomme, in der Stadt werde alles anders werden.
›Es ist wirklich sehr schön‹, antwortete sie, ›hier sind wir alle viel mehr beisammen, in der Stadt kommen Fremde dazwischen, man wird getrennt, und es ist, als wäre man in eine andere Ortschaft gereist. Es ist doch das größte Glück, jemanden recht zu lieben.‹ ›Ich habe keinen Vater, keine Mutter und keine Geschwister mehr‹, erwiderte ich, ›und ich weiß daher nicht, wie es ist.‹ ›Man liebt den Vater, die Mutter, die Geschwister‹, sagte sie, ›und andere Leute.‹ ›Mathilde, liebst du denn auch mich?‹ erwiderte ich.
Ich hatte sie nie du genannt, ich wußte auch nicht, wie mir die Worte in den Mund kamen, es war, als wären sie mir durch eine fremde Macht hineingelegt worden. Kaum hatte ich sie gesagt, so rief sie: ›Gustav, Gustav‹, so außerordentlich, wie es gar nicht auszusprechen ist. Mir brachen die heftigsten Tränen hervor.
Da flog sie auf mich zu, drückte die sanften Lippen auf meinen Mund und schlang die jungen Arme um meinen Nacken. Ich umfaßte sie auch und drückte die schlanke Gestalt so heftig an mich, daß ich meinte, sie nicht loslassen zu können. Sie zitterte in meinen Armen und seufzte. Von jetzt an war mir in der ganzen Welt nichts teurer als dieses süße Kind. Als wir uns losgelassen hatten, als sie vor mir stand, erglühend in unsäglicher Scham, gestreift von den Lichtern und Schatten des Weinlaubes, und als sich, da sie den süßen Atem zog, ihr Busen hob und senkte: war ich wie bezaubert, kein Kind stand mehr vor mir, sondern eine vollendete Jungfrau, der ich Ehrfurcht schuldig war. Ich fühlte mich beklommen.
Nach einer Weile sagte ich: ›Teure, teure Mathilde.‹ ›Mein teurer, teurer Gustav‹, antwortete sie. Ich reichte ihr die Hand und sagte: ›Auf immer, Mathilde.‹ ›Auf ewig‹, antwortete sie, indem sie meine Hand faßte. […]
Ich hatte früher nie irgend ein Mädchen bei der Hand gefaßt als meine Schwester, ich hatte nie mit einem ein liebes Wort geredet oder einen freundlichen Blick gewechselt. Dieses Gefühl war jetzt wie ein Sturm wind über mich gekommen. […] Ich ging wieder zu unserem Wohnhause zurück, und ging auf den Platz, von dem ich Mathildens Fenster sehen mußte. Sie beugte sich aus einem heraus und suchte mit den Augen. Als sie mich erblickt hatte, fuhr sie zurück. Auch mir war es gewesen da ich die holde Gestalt sah, als hatte mich ein Wetterstrahl getroffen. Ich ging wieder in die Büsche. Es waren Flieder in jener Gegend, die eine Strecke Rasen säumten und in ihrer Mitte eine Bank hatten, um im Schatten ruhen zu können. Zu dieser Bank ging ich immer wieder zurück. […] Es war zauberhaft, ein süßes Geheimnis mit einander zu haben, sich seiner bewußt zu sein und es als Glut im Herzen zu hegen. […]
Sie stand wie eine feurige Flamme da, und mein ganzes Wesen zitterte. Im vorigen Sommer hatte ich ihr oft die Hand gereicht, um ihr über eine schwierige Stelle zu helfen, um sie auf einem schwanken Stege zu stützen, oder sie auf schmalem Pfade zu geleiten. Jetzt fürchteten wir, uns die Hände zu geben, und die Berührung war von der größten Wirkung. […] Dann setzte sie sich zu dem Klaviere und rief einzelne Töne aus den Saiten. […]
Es begann nun eine merkwürdige Zeit. In meinem und Mathildens Leben war ein Wendepunkt eingetreten. Wir hatten uns nicht verabredet, daß wir unsere Gefühle geheim halten wollen; dennoch hielten wir sie geheim, wir hielten sie geheim vor dem Vater, vor der Mutter, vor Alfred und vor allen Menschen. Nur in Zeichen, die sich von selber gaben, und in Worten, die nur uns verständlich waren, und die wie von selber auf die Lippen kamen, machten wir sie uns gegenseitig kund. […] Wenn wir durch den Garten gingen, wenn Alfred um einen Busch bog, wenn er in dem Gange des Weinlaubes vor uns lief, wenn er früher aus dem Haselgebüsche war als wir, wenn er uns in dem Innern des Gartenhauses allein ließ, konnten wir uns mit den Fingern berühren, konnten uns die Hand reichen, oder konnten gar Herz an Herz fliegen, uns einen Augenblick halten, die heißen Lippen an einander drücken und die Worte stammeln: ›Mathilde, dein auf immer und auf ewig, nur dein allein, und nur dein, nur dein allein!‹ ›O ewig dein, ewig, ewig, Gustav, dein, nur dein, und nur dein allein.‹ Diese Augenblicke waren die allerglückseligsten.

Der Nachsommer, Der Rückblick, S.761 - 768


Gustav und Mathilde: Die Trennung

Doch dieses Paar findet nicht zueinander. Gustav entscheidet sich für das, was er für seine Pflicht hält.
Dennoch war allgemach etwas da, das wie ein Übel in mein Glück bohrte. Es nagte der Gedanke an mir, daß wir die Eltern Mathildens täuschen. Sie ahnten nicht, was bestand, und wir sagten es ihnen nicht. Immer drückender wurde mir das Gefühl, und immer ängstender lastete es auf meiner Seele. Es war wie das Unheil der Alten, welches immer größer wird, wenn man es berührt.
Eines Tages, da eben die Rosenblüte war, sagte ich zu Mathilden, ich wolle zur Mutter gehen, ihr alles entdecken und sie um ihr gütiges Vorwort bei dem Vater bitten. Mathilde antwortete, das werde gut sein, sie wünsche es, und unser Glück müsse dadurch sich erst recht klären und befestigen.
Ich ging nun zur Mutter Mathildens, und sagte ihr alles mit schlichten Worten, aber mit zagender Stimme.

Der Nachsommer, Der Rückblick, S.773
Die Mutter spricht mit Risach und erklärt ihm ausführlich, Mathilde sei noch zu jung für eine Bindung und er müsse auch erst eine Lebensstellung erarbeiten. Er anwortet:
„Wir haben uns nicht vorzustellen vermocht, daß das, was für uns ein so hohes Glück war, für die Eltern ein Unheil sein wird. Ihr habt es mir mit Eurer tiefsten Überzeugung gesagt. Selbst wenn Ihr irrtet, selbst wenn unsere Bitten Euch zu erweichen vermöchten, so würde Euer freudiger Wille, Euer Herz und Euer Segen mit dem Bunde nicht sein, und ein Bund ohne der Freude der Eltern, ein Bund mit der Trauer von Vater und Mutter müßte auch ein Bund der Trauer sein, er wäre ein ewiger Stachel, und Euer ernstes oder bekümmertes Antlitz würde ein unvertilgbarer Vorwurf sein. Darum ist der Bund, und wäre er der berechtigteste, aus, er ist aus auf so lange, als die Eltern ihm nicht beistimmen können. Eure ungehorsame Tochter würde ich nicht so unaussprechlich lieben können, wie ich sie jetzt liebe, Eure gehorsame werde ich ehren und mit tiefster Seele, wie fern ich auch sein mag, lieben, so lange ich lebe. Wir werden daher das Band losen, wie schmerzhaft die Lösung auch sein mag. – O Mutter, Mutter! – laßt Euch diesen Namen zum ersten und vielleicht auch zum letzten Male geben – der Schmerz ist so groß, daß ihn keine Zunge aussprechen kann? und daß ich mir seine Größe nie vorzustellen vermocht habe. […] Ich werde morgen Mathilden sagen, […] daß sie ihrem Vater und ihrer Mutter gehorchen müsse.

Der Nachsommer, Der Rückblick, S.779-780
Am nächsten Tag geht Risach zu Mathilde und erklärt ihr, was er bei ihrer Mutter ausgerichtet hat und was sie nun tun müssten. Mathilde hat dafür kein Verständnis.
„Ich ging auf die Gründe, welche die Mutter angegeben hatte, nicht ein, und legte Mathilden nur dar, daß sie zu gehorchen habe, und daß unter Ungehorsam unser Bund nicht bestehen könne.
Als ich geendet hatte, war sie im höchsten Maße erstaunt. ›Ich bitte dich, wiederhole mir nur in kurzem, was du gesprochen hast, und was wir tun sollen‹, sagte sie. ›Du mußt den Willen deiner Eltern tun und das Band mit mir lösen‹, antwortete ich. ›Und das schlägst du vor, und das hast du der Mutter versprochen, bei mir auszuwirken?‹, fragte sie. ›Mathilde, nicht auszuwirken‹, antwortete ich, ›wir müssen gehorchen; denn der Wille der Eltern ist das Gesetz der Kinder.‹
›Ich muß gehorchen‹, rief sie, indem sie von der Bank aufsprang, ›und ich werde auch gehorchen; aber du mußt nicht gehorchen, deine Eltern sind sie nicht. Du mußtest nicht hieher kommen und den Auftrag übernehmen, mit mir das Band der Liebe, das wir geschlossen hatten, aufzulösen. Du mußtest sagen: ›Frau, Eure Tochter wird Euch gehorsam sein, sagt Ihr nur Euren Willen; aber ich bin nicht verbunden, Eure Vorschriften zu befolgen, ich werde Euer Kind lieben, so lange ein Blutstropfen in mir ist, ich werde mit aller Kraft streben, einst in ihren Besitz zu gelangen. Und da sie Euch gehorsam ist, so wird sie mit mir nicht mehr sprechen, sie wird mich nicht mehr ansehen, ich werde weit von hier fortgehen; aber lieben werde ich sie doch, so lange dieses Leben währt und das künftige, ich werde nie einer andern ein Teilchen von Neigung schenken, und werde nie von ihr lassen.‹ ›So hättest du sprechen sollen, und wenn du von unserm Schlosse fortgegangen wärest, so hätte ich gewußt, daß du so gesprochen hast, und tausend Millionen Ketten hätten mich nicht von dir gerissen, und jubelnd hätte ich einst in Erfüllung gebracht, was dir dieses stürmische Herz gegeben. Du hast den Bund aufgelöste, ehe du mit mir hieher gegangen bist, ehe du mich zu dieser Bank geführt hast, die ich dir gutwillig folgte, weil ich nicht wußte, was du getan hast. Wenn jetzt auch der Vater und die Mutter kämen und sagten: ›Nehmet euch, besitzet euch in Ewigkeit‹, so wäre doch alles aus. Du hast die Treue gebrochen, die ich fester gewähnt habe als die Säulen der Welt und die Sterne an dem Baue des Himmels.‹
›Mathilde‹, sagte ich, ›was ich jetzt tue, ist unendlich schwerer, als was du verlangtest.‹ ›Schwer oder nicht schwer, von dem ist hier nicht die Rede‹, antwortete sie, ›von dem, was sein muß, ist die Rede, von dem, dessen Gegenteil ich für unmöglich hielt. Gustav, Gustav, Gustav, wie konntest du das tun?‹
Sie ging einige Schritte von mir weg, kniete, gegen die Rosen, die an dem Gartenhause blühten, gewendet, in das Gras nieder, schlug die beiden Hände zusammen und rief unter strömenden Tränen: ›Hört es, ihr tausend Blumen, die herabschauten, als er diese Lippen küßte, höre es du, Weinlaub, das den flüsternden Schwur der ewigen Treue vernommen hat, ich habe ihn geliebt, wie es mit keiner Zunge, in keiner Sprache ausgesprochen werden kann. Dieses Herz ist jung an Jahren, aber es ist reich an Großmut; alles, was in ihm lebte, habe ich dem Geliebten hingegeben, es war kein Gedanke in mir als er, das ganze künftige Leben, das noch viele Jahre umfassen konnte, hätte ich wie einen Hauch für ihn hingeopfert, jeden Tropfen Blut hätte ich langsam aus den Adern fließen und jede Faser aus dem Leibe ziehen lassen – und ich hätte gejauchzt dazu. Ich habe gemeint, daß er das weiß, weil ich gemeint habe, daß er es auch tun würde. Und nun führt er mich heraus, um mir zu sagen, was er sagte. Wären was immer für Schmerzen von außen gekommen, was immer für Kämpfe, Anstrengungen und Erduldungen; ich hätte sie ertragen, aber nun er – er –! Er macht es unmöglich für alle Zeiten, daß ich ihm noch angehören kann, weil er den Zauber zerstört hat, der alles band, den Zauber, der ein unzerreißbares Aneinanderhalten in die Jahre der Zukunft und in die Ewigkeit malte.‹
Ich ging zu ihr hinzu, um sie empor zu heben. Ich ergriff ihre Hand. Ihre Hand war wie Glut. Sie stand auf, entzog mir die Hand, und ging gegen das Gartenhaus, an dem die Rosen blühten.“

Der Nachsommer, Der Rückblick, S.781 - 783
Nach einem langen getrennten Leben finden sie sich erst nach dem Austritt des Mannes aus dem Arbeitsleben, im "Nachsommer" in inniger Freundschaft und Kooperation, aber getrennten Lebensräumen zusammen. - Man kann es Resignation nennen. Goethe spricht im Wilhelm MeisterWikipedia-logo.png von "Entsagung". Die Sprache, die im "Nachsommer" vorherrscht, spiegelt etwas von dieser neuen Haltung wider.


Bildungslehre

Weil euch euere Natur selber zum Teile aus dem Kreise herausgezogen hat, den ihr um euch gesteckt habt, weil ihr zu euren früheren Bestrebungen noch den Einblick in die Dichtungen gesellt habt, so wie ja schon das Landschaftsmalen als ein Übergang in das Kunstfach ein Schritt aus eurem Kreise war, so erlaubet mir, daß ich als Freund, der euch wohl will, ein Wort zu euch rede. Ihr solltet zu eurem Wesen eine breitere Grundlage legen. Wenn die Kräfte des allgemeinen Lebens zugleich in allen oder vielen Richtungen tätig sind, so wird der Mensch, eben weil alle Kräfte wirksam sind, weit eher befriedigt und erfüllt, als wenn eine Kraft nach einer einzigen Richtung hinzielt. Das Wesen wird dann im Ganzen leichter gerundet und gefestet. Das Streben in einer Richtung legt dem Geiste eine Binde an, verhindert ihn, das Nebenliegende zu sehen und führt ihn in das Abenteuerliche. Später, wenn der Grund gelegt ist, muß der Mann sich wieder dem Einzigen zuwenden, wenn er irgendwie etwas Bedeutendes leisten soll. Er wird dann nicht mehr in das Einseitige verfallen. In der Jugend muß man sich allseitig üben, um als Mann gerade dann für das Einzelne tauglich zu sein. Ich sage nicht, daß man sich in das Tiefste des Lebens in allen Richtungen versenken müsse, wie zum Beispiele in allen Wissenschaften, wie ihr ja selber einmal angefangen habt, das wäre überwältigend oder tötend, ohne dabei möglich zu sein; sondern daß man das Leben, wie es uns überall umgibt, aufsuche, daß man seine Erscheinungen auf sich wirken lasse, damit sie Spuren einprägen, unmerklich und unbewußt, ohne daß man diese Erscheinungen der Wissenschaft unterwerfe. Darin, meine ich, besteht das natürliche Wissen des Geistes, zum Unterschiede von der absichtlichen Pflege desselben. Er wird nach und nach gerecht für die Vorkommnisse des Lebens. Ihr habt, scheint es mir, zu jung einen einzelnen Zug erfaßt, unterbrecht ihn ein wenig, ihr werdet ihn dann freier und großartiger wieder aufnehmen. Schaut auch die unbedeutenden, ja nichtigen Erscheinungen des Lebens an. Geht in die Stadt, sucht euch deren Vorkommnisse zurecht zu legen, kommt dann zu uns auf das Land, lebt einmal eine Weile müßig bei uns, das heißt tut, was euch der Augenblick und die Neigung eingibt, wir wollen dieses Haus und den Garten genießen, wollen den Nachbar Ingheim besuchen, wollen auch zu anderen entfernteren Nachbarn gehen und die Dinge an uns vor über fließen lassen, wie sie fließen.[6]

Der väterliche Freund Freiherr von Risach zum Protagonisten der Romans Der Nachsommer von Adalbert Stifter, 2. Band, 1. Kapitel


Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst

So wie ich früher Gegenstände der Natur für wissenschaftliche Zwecke gezeichnet hatte, wie ich bei diesen Zeichnungen zur Anwendung von Farben gekommen war, wie ich ja vor Kurzem erst Geräte gezeichnet und gemalt hatte: so versuchte ich jetzt auch, den ganzen Blick, in dem ein Hintereinanderstehendes, im Dufte Schwebendes, vom Himmel sich Abhebendes enthalten war, auf Papier oder Leinwand zu zeichnen und mit Ölfarben zu malen. Das sah ich sogleich, daß es weit schwerer war als meine früheren Bestrebungen, weil es sich hier darum handelte, ein Räumliches, das sich nicht in gegebenen Abmessungen und mit seinen Naturfarben, sondern gleichsam als die Seele eines Ganzen darstellte, zu erfassen, während ich früher nur einen Gegenstand mit bekannten Linienverhältnissen und seiner ihm eigentümlichen Farbe in die Mappe zu übertragen hatte. Die ersten Versuche mißlangen gänzlich. Dieses schreckte mich aber nicht ab, sondern eiferte mich vielmehr noch immer stärker an. Ich versuchte wieder und immer wieder. Endlich vertilgte ich die Versuche nicht mehr, wie ich früher getan hatte, sondern bewahrte sie zur Vergleichung auf. Diese Vergleichung zeigte mir nach und nach, daß sich die Versuche besserten und die Zeichnung leichter und natürlicher wurde. Es war ein gewaltiger Reiz für das Herz, das Unnennbare, was in den Dingen vor mir lag, zu ergreifen, und je mehr ich nach dem Ergreifen strebte, desto schöner wurde auch dieses Unnennbare vor mir selbst. [...]
Durch das Urteil meiner Freunde wurde mir der Verstand plötzlich geöffnet, daß ich das, was mir bisher immer als wesenlos erschienen war, betrachten und kennen lernen müsse. Durch Luft, Licht, Dünste, Wolken, durch nahe stehende andere Körper gewinnen die Gegenstände ein anderes Aussehen, dieses müsse ich ergründen, und die veranlassenden Dinge müsse ich, wenn es mir möglich wäre, so sehr zum Gegenstande meiner Wissenschaft machen, wie ich früher die unmittelbar in die Augen springenden Merkmale gemacht hatte. Auf diese Weise dürfte es zu erreichen sein, daß die Darstellung von Körpern gelänge, die in einem Mittel und in einer Umgebung von anderen Körpern schwimmen.[7]

Adalbert Stifter: Der Nachsommer, 2. Band, Die Erweiterung


Weitere charakteristische Textstellen


Zu den Personen, insbesondere zu Heinrich Drendorf


Text



Gedruckte Ausgaben

Adalbert Stifter: Der Nachsommer. Roman. Mit einem Nachwort und Auswahlbibliographie von Uwe Japp. Artemis und Winkler, Düsseldorf, Zürich 2005.


Rezensionen


Fußnoten

  1.  Die Tendenz zur Objektivierung des Schreibens bringt schließlich auch den unverwechselbaren Stifterschen Stil hervor, der sich im Nachsommer bereits auf dem Weg zu der grandiosen Verkarstung und monumentalen Versimpelung des Spätwerks befindet. Ich nenne nur einige Aspekte. 1. beginnen bei Stifter die schlichten Hauptsätze zu dominieren. Oder, um es auf germanistisch zu sagen: Stifter bevorzugt gegenüber der Hypotaxe zunehmend die Parataxe, denn hypotaktische Sätze konstruieren Abhängigkeitsverhältnisse, Über- und Unterordnungen, Beziehungen also, die erst ein Sprecherindividuum stiftet. Parataktische Sätze dagegen sagen das schlichte Nebeneinander von Sachverhalten in Form einer Reihung aus, ohne sie durch die Art ihrer sprachlichen Vergegenwärtigung gewissermaßen schon zu kommentieren. 2. neigt Stifter zur Tilgung aller Metaphern. (Ch. Begemann: Erschriebene Ordnung)
  2.  Der fremdartige, irritierende Reiz des Buches geht von der Radikalität aus, mit der Künstlichkeit hier zum Programm erhoben und zugleich kaschiert wird. [...] Und diese Künstlichkeit macht unverkennbar, daß die Ordnung, deren Zeuge wir werden, eine Ordnung ist, die allein vom Text produziert wird.(Ch. Begemann: Erschriebene Ordnung)
  3.  Läßt man sich einmal auf den Nachsommer ein, dann entwickelt gerade das, was man ihm vorwerfen kann, einen eigenartigen anziehend-abstoßenden Sog.(Ch. Begemann: Erschriebene Ordnung)
  4.  Ohne es noch begreifen zu können, artikuliert Hebbel, wie nahe Stifter einem wesentlichen Prinzip der literarischen Moderne kommt: der Selbstreflexivität der Literatur [...] (Ch. Begemann: Erschriebene Ordnung)
  5.  Die Bedeutung von Stifters Nachsommer für Österreich hat man mit der von Goethes Wilhelm Meister für Deutschland verglichen (vgl. Hofmannsthals Nachwort zum Nachsommer im ersten Satz)
  6.  Aus der Tatsache, dass die Welt des Freiherrn von Risach im Roman als das unangezweifelte Vorbild erscheint, darf man schließen, dass Risach hier Stifters eigene Anschauungen wiedergibt.
  7.  Auch wenn Stifter in diesem 1857 geschriebenen Werk noch die Probleme realistischen Malens von fernen Gegenständen behandelt, so ist doch mit der Formulierung "Durch Luft, Licht, Dünste, Wolken, durch nahe stehende andere Körper gewinnen die Gegenstände ein anderes Aussehen ..." eine Grundüberlegung der Impressionisten ausgesprochen, die erst Mitte der sechziger Jahre des Jahrhunderts mit typischen Werken hervortraten.


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Anekdoten über Stifter:

"Einmal aber ereignete es sich, daß die Musterverse den Namen eines anderen trugen und trotzdem von Stifter stammten. Und das geschah so: ein Mitschüler, der Träger hieß, brachte die vierfüßigen Jamben, die sie als Aufgabe gestellt bekamen, nicht zusammen und wandte sich darum im letzten Augenblick an Stifter. – »Ja, aber das läßt sich doch nicht nur so hinschreiben,« meinte dieser, »ich bin gestern schier den ganzen Tag darüber gesessen, aber ich probier's, muß halt recht einfach werden.« – Mit diesen Worten setzte er sich auf die Türstufen und warf die Verse in fliegender Hast aufs Papier. – Am nächsten Tag erschien der Professor mit den korrigierten Heften, lächelte Stifter an und sagte: »Schaut, diesmal ist der Träger der beste, der Stifter hat mir ein bissel zu viel gekünstelt.« "