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28 Dezember 2023

Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart

 Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Rezension bei Perlentaucher

Leseprobe bis S.29

1. Eintracht und Streit in der Familie . . . . . . . . . . . 19 

Der große und der kleine Bruder . . . . . . . . . . . . . 19 

Die Großrussen und die Kleinrussen . . . . . . . . . . 25 

 2. Die gemeinsame Wiege der Kyjiver Rus’ . . . . . 28 

Der Erbstreit der Historiker . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 

Der Erbstreit der Politiker . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 

 3. Mongolen und Polen – Asien und Europa: Die Geschwister gehen getrennte Wege  (14. bis 17. Jahrhundert) . . . . . . . . . . . . . . . . . .    37 

Danylo von Galizien-Wolhynien und Alexander Nevskij . . . . . . 38 

Der Aufstieg Moskaus und die Herausbildung des Zarenreichs. . . 43 

Die Ukraine unter litauischer und polnischer Herrschaft . ............46 

 Kirchenunion von Brest 1596, Ukrainische griechisch-katholische Kirche

Die ukrainischen Kosaken und die Revolution von 1648  . . . . . . . .51 

Starker Staat – libertäre Gesellschaft, belagerte Festung – Orientierung nach Europa . 53

4. Die Annäherung der Ukraine an Russland und die Integration der «Kleinrussen» in das Imperium der Zaren (17. bis frühes 19. Jahrhundert) . .. . . . . . . . . . . . . . . . . 56 

Die Vereinbarung von Perejaslav und der Beginn der Herrschaft Russlands über die Ukraine 59 Peter der Große, Mazepa und das Ende des ukrainischen Kosakentums .  . . . . . . . . . . . 65    Doch Angehörige einer ukrainischen Kosakenfamilie erlebten unter der Kaiserin Elisabeth einen auffallenden Aufstieg: Alexei Grigorjewitsch Rasumowski, Kirill Grigorjewitsch Rasumowski (S.71), Andrei Kirillowitsch Rasumowski (S.72)

Die Ukrainisierung der russischen Kultur . .. . . . . . . . . . . . . . . . .  72                                  "Im 18. Jahrhundert kamen etwa 60 Prozent der Bischöfe des Imperiums aus der Ukraine und Weißrussland." (S.73)                                                                                                        Feofan Prokopovyč . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74                                                              "Ausgerechnet ein ukrainischer Absolvent der Kijiver Akademie wurde so zum wichtigsten frühen Ideologen des autokratischen Absolutismus in Russland. [...]  Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts hob sich die linksufrige Ukraine von Russland durch ein merklich höheres Bildungsniveau ab, wie ausländische Beobachter bestätigten. Sie wies ein recht breites Netz von Kirchenschulen auf, an denen auch Mädchen ausgebildet wurden." (S.75/76)

"Im Laufe des 18. Jahrhunderts erlebte die auf Mittel- und Westeuropa ausgerichtete weltliche Bildung und Kultur auch in Russland einen raschen Aufschwung. Die Kijiver Akademie und die anderen Bildungsstätten in der Ukraine sanken dagegen zu Priesterseminaren ab, während die weltliche höre Bildung seit dem Jahr 1755, als die Universität Moskau gegründet wurde, immer mehr von russischen Institutionen übernommen wurde. Allerdings wurde die zweite (russischsprachige) Universität des Imperiums 1805 in Charkiv gegründet, wo sie auf dem dortigen Collegium aufbauen konnte. Trotzdem beraubte der ständig zunehmende Brain Drain die Ukraine zahlreicher Gebildeter. In der Mitte des 18. Jahrhunderts drehte sich die Richtung des Kulturtransfers um, und die Ideen der französischen Aufklärung kamen  nicht mehr über die Ukraine nach Russland, sondern über St. Petersburg in die Ukraine. Die Bildungssprachen waren nicht mehr Latein und Kirchenslawisch, sondern Deutsch, Französisch und zunehmend Russisch. (S.76/ 77)

Die Expansion Russlands ans Schwarze Meer und in die rechtsufrige Ukraine . . .. . . . . . 77   "Der Steppengürtel nördlich des schwarzen Meeres war seit der Antike Durchzugsgebiet aus Asien kommender Reiternomaden gewesen. Seit dem 15. Jahrhundert stand er unter der Herrschaft der Krimtataren, deren Khan Vasall des Osmanischen Reiches war. Die Region war landwirtschaftlich nicht erschlossen und kaum besiedelt. Lediglich die Saporoger  Kosaken hatten am Unterlauf des Dnjepr  Fuß gefasst. Sie standen in ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen (aber auch in Handelsbeziehungen) mit den Krimtataren und fuhren mit ihrem kleinen Booten auf das Schwarze Meer, wo sie osmanische Galeeren kaperten und Hafenstädte ausraubten.

Im Türkischen Krieg von 1768 bis 1774 eroberte Russland das gesamte Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres, 1783 folgte die Annexion der Krim." (S. 77)
"Das eroberte Gebiet im Süden der heutigen Ukraine wurde offiziell als Neurussland bezeichnet und in einem Generalgouverneurment dieses Namens zusammengefasst. Die südukrainische Steppe mit ihren fruchtbaren Schwarzerdeböden wurde nun für die Landwirtschaft nutzbar gemacht, und in den folgenden Jahrzehnten wurde sie von ukrainischen und russischen Bauern besiedelt. Sie kamen zum größeren Teil in die Abhängigkeit von (vorwiegend russischen) Adligen, denen die Regierung in Neurussland Güter verliehen hatte. [...] Zunächst rief man aus dem Osmanischen Reich orthodoxe Bulgaren, Serben, Rumänen und Griechen ins Land. Die größte Gruppe waren die deutschen Kolonisten, unter ihnen zahlreiche Mennoniten, die als tüchtige Ackerbauern den ostslawischen Bauern als Vorbild dienen sollten. Die Region stieg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum wichtigsten Getreideproduzenten des Imperiums auf. In den Städten ließen sich Russen, Juden, Griechen und Armenier nieder, während die Ukrainer hier nur kleine Minderheiten stellten. (S.77/78)
"Katharina II. rechtfertigte die Annexion des östlichen Polen-Litauens  damit, dass diese Länder und Städte, die an das Russische Reich angrenzen, einst in seinem Besitz waren und von ihren Stammesgenossen bevölkert sind, die zum orthodoxen Glauben bekehrt wurden und ihn bis heute ausüben. Indem die Kaiserin darauf verwies, dass diese Gebiete früher im Besitz Russlands (gemeint ist die Kyjiver Rus') gewesen sein, lancierte sie die Auffassung von der 'Wiedervereinigung' der Ukraine und Weißrussland. Obwohl sie diesen 'Stammesgenossen' ihre besondere Fürsorge verhieß, kümmerte man sich in der Folge kaum um die ukrainischen Leibeigenen, sondern verkehrte mit Ihnen nur indirekt über ihre adeligen polnischen Herren. Eine Ausnahme war die Konfession. Staat und Kirche betrachteten sich als Schutzjahren ihrer orthodoxen Untertanen, die gegen katholische Einflüsse abgeschirmt werden sollten. "(S. 80)

 Die Entdeckung Kleinrusslands durch die Russen um 1800 . . . . . . . . .  . . . . . . . . . . . . . 81 

Im Geiste Rousseaus wurde die Ukraine als einfaches, moralisch reines, von der Zivilisation nicht verdorbenes Volk und ihr Leben als ländliche Idylle idealisiert. Die ukrainischen Bauern erschienen als Kinder der Natur, als ehrlich, fröhlich, treu, offen, gastfreundlich, musikalisch, emotional und tief religiös. [...]  Man kann von einer Kleinrussland-Mode im Russland der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sprechen. Nicht nur die Reiseberichte, sondern auch die wichtigsten russischen Zeitschriften der ersten vier Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, sowohl konservativer wie liberaler Ausrichtung, zeichneten ein überwiegend positives Bild von der Ukraine. [...]

Die Ukrainer seien in ihrer Entwicklung stecken geblieben und hätten es nicht verstanden, eine gebildete Elite, eine höhere Zivilisation und einen Staat zu schaffen. Die idealisierten traditionellen Sitten wurden somit umgedeutet zu Rückständigkeit, Ignoranz und Aberglauben. Das häufigste Attribut, dass russische Beobachter den Ukrainern zuschrieben, war deren Trägheit und Faulheit." (S.83)

 5. Zwei verspätete Nationen . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 

Russland und die Ukraine existieren als Nationalstaaten erst seit einem Vierteljahrhundert. Sie sind junge, verspätete Nationen [...]  Dass die Ukrainer eine verspätete Nation sind, ist evident. Sie wurde nach dem plötzlichen Erscheinen des Nationalstaats auch als 'unerwartete Nation' bezeichnet, und es wird sogar bestritten, dass sie überhaupt eine Nation sein. 'Die Ukraine ist ein unabhängiger Staat, der kein Nationalstaat ist. Zwischen Historikern ist umstritten, ob es überhaupt eine ukrainische Nation gibt', so der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt [...] kurz nach der Annexion der Krim durch Russland. [...] 

Nicht selbstverständlich ist dagegen die These von den Russen als einer verspäteten Nation. Im Gegensatz zur Ukraine verfügt Russland über eine seit dem Mittelalter ununterbrochene staatliche Tradition, und bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion lebten fast alle Russen in einem Staat zusammen. Allerdings war der Staat nicht, wie in Westeuropa, der Kern, sondern der wichtigste Hemmschuh für die russische Nationsbildung [...]. Gerade der übermächtige, territorial riesige Stadt, das russländische Imperium [...] und die Sowjetunion behinderten die Formierung einer russischen Nation [...] Die autoritären Regime der Zaren und Sowjets verhinderten eine demokratische Entwicklung, eine politische Emanzpation der russischen Gesellschaft und ihre Integration zu einer Staatsbürgernation, Die Multiethnizität und die soziale Polarisierung standen der Bildung einer ethnischen Nation im Weg.". (S.85/86)

Prozesse der Nationsbildung in der Vormoderne . . 87                     

Das vormoderne kosakisch-kleinrussische Nationalbewusstsein äußerte sich noch einmal in einem bemerkenswerten Text, der die Beziehung des 'kleinen' zum 'großen' Russland zum Thema hat. 'Ein Gespräch zwischen Großrussland und Kleinrussland' des Absolventen der Kijiver Akademie Semen Divovyc wurde im Jahr 1762 in russischen Versen abgefasst, aber erst im Jahr 1882 gedruckt. Zu Beginn fragt Großrussland Kleinrussland:
'Welcher Herkunft bist du und woher bist Du gekommen?                                                Sprich, sprich von deinen Ursprüngen, von denen du herstammst!'
Kleinrussland erklärt dann ausführlich seine glanzvolle Geschichte seit dem Mittelalter, unter der Herrschaft des polnischen Könige und besonders die Heldentaten der Kosaken bis zu ihrer freiwilligen Unterstellung unter den russischen Herrscher Alexej Michajlovic, der ihnen die Erhaltung ihrer Privilegien garantierte." (S. 91)
Divovyc verfasste sein 'Gespräch' kurz nach dem Regierungsantritt Katharinas II. Er verteidigt die Eigenständigkeit und die Rechte 'Kleinrusslands', genauer des Kosaken-Hetmanats, und pocht auf Gleichberechtigung der ukrainischen Elite mit dem russischen Adel. Dabei werden die Bezeichnungen 'klein' und 'groß', wie wir wissen zu Unrecht, mit der unterschiedlichen Größe der beiden Länder erklärt. Es ist bemerkenswert, dass Divovyc die Verwandtschaft der beiden Völker nicht erwähnt, sondern Kleinrussland als eigenes Objekt mit einer von großen Russland getrennten Geschichte vorstellt. Von der gemeinsamen Abkunft von der Kyjiver Rus’  ist nicht die Rede." (S.92)

Varianten eines russischen Nationalbewusstseins in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts . .  93
Westler (u.a.  Iwan Turgenew, Iwan Panajew, Pjotr Tschaadajew, Wissarion Belinski und Alexander Herzen) und Slawophile                                                                                                          Die ukrainische Herausforderung und die russische Antwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .96
Nationaldichtung: Ivan Kotljarevskij und Nationalgeschichte 'Geschichte der Rus' ' (konzentriert auf die heroische Zeit der Kosaken aber auch Rückgriff auf die Kyjiver Rus’);  die Kyrill-und-Method-Bruderschaft "spielte eine zentrale Rolle in der Herausbildung eines Nationalbewusstseins in der Ukraine.[1]"  (Wikipedia),   Mykola Kostomarow (Gründer), Taras Schewtschenko (nach Kasachstan verbannt)(S.96-98); eine vergleichbare russischr Gruppe, der Dostojewski angehörte, wurde härter bestraft (Todesurteil, Begnadigung zu Zwangsarbeit in Sibirien). 
18 42 wurde Nikolai Gogol's Roman 'Die Toten Seelen' publiziert was Anlass zu Erörterungen über die nationale Zuordnung des ukrainisch-russischen Schriftstellers gab. [...]  Gogol' selbst äußerte sich dazu zwei Jahre später in einem Schreiben, in dem er bekannte, eine doppelte 'Seele' zu haben. Er wisse selbst nicht, 'welche Seele ich habe, die eines Chochol [Spitzname für Ukrainer] oder eine russische. Ich weiß nur, dass ich keineswegs dem Kleinrussen vor dem Russen noch den Russen vor dem Kleinrussen den Vorzug geben würde. Beide Naturen sind von Gott üppig bedacht worden, und mit Bedacht besitzt jede  von Ihnen für sich das, was der anderen fehlt: ein klares Zeichen, dass sie einander ergänzen müssen.'
Gogol', der aus einer ukrainischen Kosakenfamilie stammte, steht für die zahlreichen Ukrainer, die nach Moskau oder St. Petersburg zogen, und sich dort sprachlich russifizierten, gleichzeitig aber die russische  Kultur ukrainisierten. Seine Erzählzyklen 'Abende auf dem Gutshof bei Dikan'ka' und 'Migorod' hatten ukrainische Themen und waren in einem Russisch geschrieben, das viele Ukrainismen aufweist. In Russland wurden sie als Beispiele der exotischen Kleinerussischen Literatur positiv aufgenommen. Sie führten die Ukraine in die russische Literatur ein; ihre Natur verbundenen pittoresken, humorvollen, faulen, ess- und trinkfesten Gestalten mit einer deformierten Sprache und Irrationalität prägten das russische Ukrainebild für lange Zeit. In Russland warf man Gogol' vor, die Russen negativ und die Kleineussen mit viel Sympathie darzustellen, worauf er in dem zitierten Brief antwortet." (S. 100/101)

Der russische imperiale Nationalismus und die Krise der ukrainischen Nationsbildung . . . . 103 

 6. Ein asymmetrisches Verhältnis: Russen und Ukrainer im Russländischen Reich im 19. und frühen 20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113              Russische Stadt – ukrainisches Dorf . . . . . . . . . . . 114                                                 Hierarchie der Kulturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117                                             Wechselseitige Perzeptionen . . . . . . . . . . . . . . . . . 121                                                   Akkulturation und doppelte Identität . . . . . . . . . 124                                                             War die Ukraine eine Kolonie Russlands? . . . . . . . 130 

 7. Die Russische und die Ukrainische Revolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. .     . . . 132

In der Zeit von 1917-1922 herrschten in der Ukraine unübersichtliche und zeitlich rasch wechselnde Machtverhältnisse:

Die national-ukrainisch orientierten Kräfte des Bürgertums und der Intelligenz, die Mittelmächte, die weißen Truppen [Deniken, Wrangel], die die russische Revolution annullieren wollten, die ukrainischen Bauern, die weitgehend russischen, bolschewistisch orientierten Arbeiter, die provisorische russische Regierung ab Februar 1917, die Rote Armee der Sowjetunion. (Eine gewisse Sonderrolle spielte die im November 1918 in Lemberg ausgerufene Westukrainische Volksrepublik (S.142) der Ruthenen/Ukrainer im Bereich der Habsburger Monarchie. [Einen groben Überblick liefern die Seiten 132-149 und im Internet die betreffenden Artikel, die nur zum Teil verlinkt sind, einiges ist dort genauer dargestellt als im Buch.] 

Die Russische Revolution (Februar 1917 bis März 1918) . . . . . . . . .            . . . . . . . . 132 Die Ukrainische Zentralrada und ihr Verhältnis zu Petrograd . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 Die Ukrainische Volksrepublik [UNR] zwischen den «roten» und den «weißen»* Russen.141   *"Die Weißen, deren bewaffneter Arm die Weiße Armee war, vereinten politisch sehr unterschiedliche Kräfte der russischen Gesellschaft, deren Vorstellungen über die Methoden, die Richtung und die Ziele des Kampfes gegen Sowjetrussland stark differierten."                     Weshalb gelang es den Bolschewiki, den Bürgerkrieg zu gewinnen und die Herrschaft über den größten Teil der Ukraine zu erringen? . .(NÖP) . . . . ................................................146  "[...] die Ukrainer waren nach 1918 das größte Volk Europas ohne Nationalstaat." (S.147)

 8. Russen und Ukrainer in der sowjetischen «Völkerfamilie» . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 Die Gründung der Ukrainischen und der Russländischen Sowjetrepublik . . . . . . . . . . . 151 Korenizacija und Ukrainisierung . .[unter Stalin zurückgenommen]        . . . . . . . . . . . .155 Der ukrainische Nationalkommunismus . [ Skrypnyk;S.163/64] . . . . . . . .                       162  Industrialisierung, Zwangskollektivierung und Hungersnot (Holodomor) . . . . . . .  . . . . . . . .            165

"Das Bewusstsein, als Nation Opfer des Sowjetkommunismus zu sein, ist heute ein wichtiges Element des ukrainischen Nationalbewusstseins." (S.170)

Sowjetpatriotismus, Völkerfreundschaft und die Rückkehr des «Großen Bruders» . . . 171 Referat von Kappelers Darstellung: "Die Ukrainische Nation habe in den 1920er-Jahren ein soziales Fundament erhalten, das die Brüder näher auf Augenhöhe brachte. Erst Stalin setzte dem ukrainischen Nationalkommunismus ein Ende, als er die Ukraine zum Risikofaktor für den Fünfjahrplan erklärte. Kappeler weist den Genozidbegriff von sich, mit dem die von Stalin induzierte Hungerkatastrophe der frühen 1930er-Jahre zuweilen beschrieben wird; doch Terror und Hungersnot richteten sich auch in Kappelers Deutung gezielt gegen die neue ukrainische Elite. Der „Große Bruder“ kehrte zurück und er bestimmte auch die Lesart nach 1945.". . . . . . . . . . .. ..... . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . .
"Trotz dieses gemeinsamen Anteils, Leid und Sieg gegen Nazi-Deutschland ist der zweite Weltkrieg heute Gegenstand heftiger erinnerungspolitische Kontroversen zwischen Russland und der Ukraine. Auch innerhalb der Ukraine wird der zweite Weltkrieg unterschiedlich bewertet. Die wichtigste Ursache für diese Kontroversen liegt darin, dass die Bevölkerung der Westukraine, die erst 1939 gewaltsam in die Sowjetunion eingegliedert worden war, wenig Loyalität gegenüber Moskau zeigte.

Im Gefolge des Hitler – Stalin – Paltes (und seines Zusatzprotokolls) besetzte die Rote Armee im September 139 das östliche Polen und mit ihm Galizien und West-Wolhynien. Galizien hatte nie zum Zarenreich gehört." ( S.178)

 Großer Vaterländischer Krieg oder antisowjetischer Befreiungskampf . . . . . . . . . . . . . 175

"Nicht nur in der Westukraine, sondern auch in den zentralen Regionen, die als Reichskommissariat Ukraine organisiert wurden, und im Osten, der der Militärverwaltung unterstellt war, arbeiteten zahlreiche Ukrainer als Hilfswillige für die Deutschen, in der Hilfspolizei, in Schutzmannschaften und in der Lokalverwaltung. Dabei wurden sie in der Regel gegenüber ethnischen Russen bevorzugt. Unter der breiten Bevölkerung zerstörte die brutale deutsche Besatzungspolitik aber rasch anfängliche Illusionen. (S. 180)

"In der Sowjetunion und im postsowjetischen Russland war und ist die Vorstellung von den Ukrainern als Kollaborateuren und Banderisten [...] weit verbreitet. Sie wird von der russischen Propaganda geschürt, die den Krieg gegen die Ukraine als Neuauflage des Krieges gegen 'die ukrainischen Faschisten' und 'geistigen Erben Banderas, des Handlangers von Hitler im zweiten Weltkrieg', inszeniert.

In der Ukraine wird ihre Rolle unterschiedlich bewertet. Während OUN und UPA in Galizien von vielen Ukrainern als Helden im Befreiungskampf gegen die sowjetische Herrschaft verehrt wurden und noch werden, galten und gelten sie vielen Ukraine im Osten und Süden des Landes als Verräter. Präsident Juschtschenko  initiierte eine offizielle Neubewertung des Zweiten Weltkrieges, der auch als nationaler Befreiungskampf der Ukraine gegen die Sowjetunion anerkannt werden sollte." (S.181/182)

 Von der Völkerfamilie zum Sowjetvolk . . . . . . . . . 183                                                        Russland und die Ukraine als Totengräber der Sowjetunion . . . . . . . . .. . . . . . . 192 

Die Reformen, die der 1985 zum Generalsekretär der KPDSU gewählte Gorbacev (geb. 1931) [Gorbatschow]  unter den Slogans Perestroika (Umbau) und Glasnost' (Transparenz) anstieß und die eine Modernisierung der Sowjetunion, deren wirtschaftliche Rückständigkeit immer offensichtlicher geworden war, zum Ziel hatten, führten in wenigen Jahren zu einer schweren Wirtschaftskrise und zur Delegitimierung der sowjetischen Ordnung. In heftigen Geschichtsdiskussionen fiel ein ideologisches Tabu nach dem anderen, und selbst der Gründungsmythos der Oktoberrevolution und die Person Lenins gerieten unter Beschuss. 1989 wurden erstmals seit 1917 weitgehende freie Parlamentswahlen durchgeführt [...]" (S. 192)


 9. Feindliche Brüder? Die Konfrontation der beiden postsowjetischen Staaten . . . 199 Die Unabhängigkeit der Ukraine und die Reaktion Russlands . . .. . . . . . . 199   Kontroversen und Kompromisse . . . . . . . . . . . . . 203  

"Die Schwarzmeerflotte und die militärische Infrastruktur wurden zwischen beiden Staaten aufgeteilt, wobei der Ukraine 18 Prozent der Marine zugesprochen wurden. Der größere Teil von Sevastopol mit der russischen Flottenbasis blieb zwar Staatsgebiet der Ukraine, wurde aber von Russland bis 2015 gepachtet. 2010 wurde der Pachtvertrag bis zum Jahr 2047 verlängert." (S.206)

"Dabei blieb der Begriff Russen mehrdeutig. Um Staatsbürger konnte es sich nicht handeln, denn eine russlandische Staatsbürgerschaft gab es erst nach dem Ende der Sowjetunion. Gemeint waren mit Russen die Personen russischer Nationalität oder/und die Russischsprachigen. Die Nationalität war nur in der Sowjetunion eine offizielle, in den Volkszählungen erhobene und im Inlandpass eingetragene Kategorie, die in der Regel vererbt wurde, im Fall von Mischeben auch geändert werden konnte. Sie war nicht gleichzusetzen mit der Kategorie der Mutter- oder Umgangssprache, die in den Volkszählungen ebenfalls erhoben wurde. So wurden die Juden der Sowjetunion als eigene Nationalität geführt, obwohl fast alle Russisch als Muttersprache hatten. In der unabhängigen Ukraine machten die Angehörigen der ukrainischen Nationalität 78 Prozent aus, doch war etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung vorwiegend russischsprachig, wobei Zweisprachigkeit weit verbreitet war. Die Kategorie der Nationalität verlor in den postsowjetischen Staaten ihren offiziellen Status, doch wurde sie in den Zählungen weiter erhoben, und sie wurde als politische Waffe eingesetzt. (S.207)                        

 Die Orange Revolution von 2004: Juščenko, Janukovyč und Putin . 212                            Die Revolution des Euro- Majdan . .                         .219                                                          Das militärische Eingreifen Russlands – Versuch einer Deutung . . . . .222                              Putins Begründungen zur Rechtfertigung des Anschlusses der Krim .  226 

10. Feinde statt Brüder: Russlands Krieg gegen die Ukraine . . . . .232 

Die Ukraine und Russland in der ersten Phase des Krieges (2014 bis 2021)  . 232

Der Krieg im Donbass veränderte die Einstellung der ukrainischen Bevölkerung zu Russland und den Russen. Die meisten Ukrainer, auch im Osten und Süden des Landes, betrachteten die Russen nun nicht mehr als Brüder, sondern als Feinde. [...] Die ukrainische Regierung ergriff Maßnahmen gegen die russische Propaganda und schränkte die Tätigkeit russischer und teilweise auch russischsprachiger Medien ein. Manche Ukrainer,  vor allem Bewohner der umkämpften Gebiete im Donbass, die unter dem Krieg besonders litten und sich teilweise von Kyjiv im Stich gelassen fühlten, glaubten der durch das russische Fernsehen verbreiteten Propaganda, laut der die Ukraine der Aggressor sei." (S.234)

             Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine im Jahr 2022 . .  242                                  Putins Begründungen und Rechtfertigungen des Kriegs . . . . . . . 255 

11. Russland, die Ukraine und Europa . . . . . . . . . . 264

28 September 2022

Kurkow: Graue Bienen

 "In seinem Roman "Graue Bienen" widmet sich der Autor dem vom Krieg geprägten Alltag der Menschen im Donbass: [...] Als endlich der Frühling anbricht, beschließt Sergejitsch seine Bienen einzupacken und in den Westen zu fahren, in der Hoffnung, sie irgendwo fernab vom Krieg frei fliegen lassen zu können."

Kurkow: Graue Bienen (Perlentaucher)

"Hauptschauplatz ist ein Dorf im Niemandsland der sogenannten Grauen Zone im Kampfgebiet zwischen der ukrainischen Armee und prorussischen Separatisten im Spätwinter 2016. Die meisten Einwohner sind vor den ständigen Raketenangriffen beider Seiten geflüchtet, ihre Häuser stehen leer, die Kirche ist zerbombt, seit drei Jahren gibt es Strom bestenfalls halbstundenweise pro Tag. 

Nur zwei Frührentner, der Hobbybienenzüchter Sergejitsch und Paschko, dessen Feind seit Kindheitstagen, harren noch im Dorf aus, ohne Fernsehen, ohne Radio, ohne Dorfladen, im niederdrückenden Grau in Grau des Wetters und der Umwelt. Sergejitsch ist Anhänger einer integralen Ukraine; Paschko sympathisiert mit den prorussischen Milizen, „unseren Verteidigern“. Die beiden stehen damit exemplarisch für die verfeindeten Bevölkerungsteile im Donbass mit ihren konträren politischen Sympathien." Sigrid Löffler: Andrej Kurkow: „Graue Bienen“Ein scharfes Bild des Ukraine-Konflikts, Deutschlandfunk 1.8.2019

"Das geht doch nicht", seufzte Sergejitsch und bemerkte, wie hilflos eine Worte klangen. (S.286)

Kleiner Exkurs zum Thema Hilflosigkeit

Vielleicht hätte man den russischen Text auch mit "Das darf doch nicht sein" übersetzen können. Die vorliegende Übersetzung der Taschenbuchausgabe von 2021 freilich erinnert an Merkels empörte Reaktion auf die Aufdeckung der Spitzelarbeit der NSA, wo sich bald ergab, das auch Merkel ausgespäht worden war: "Das geht gar nicht!" Das klang  energisch, aber auch schon ein bisschen nach dem Lehrer, der zwar empört ist, aber noch nicht weiß, was er dagegen tun soll. Auf den konkreten Fall bezogen klingt es so, als hätte Merkel eingesehen, dass die BRD auch lange nach der offiziellen Souveränität 1955 ein penetriertes System ist. (Nach Rosenau ist das "ein Staat oder staatliches Gebilde, dessen Gesellschaft von einer anderen Gesellschaft so durchdrungen ist, dass es die Ziele der anderen Gesellschaft übernimmt" (Wikipedia)) Wenn die BRD  auch nicht jedes Ziel unbesehen übernimmt, so ist sie doch von der NSA durchdrungen (penetriert), weil sie für die Ziele, die sie mit den meisten Staaten, die wie sie auf westlichen Wertordnung basieren, auf die Auslandsaufklärung der NSA angewiesen (oder glaubt es zu sein). So spricht wenig dafür, dass Snowdens Aufklärung in Deutschland zu mehr geführt hat als zu einem Verfassungsgerichtsurteil, dass diese Art von Ausspähung als grundgesetzwidrig erklärt (Spiegel 19.5.2020) 

Er fühlte sich ebenfalls hilflos, als würde auch in seinem eigenen Leben nichts von ihm selbst abhängen. Als säße er auf dem schneebedeckten Feld neben dem getöteten Burschen mit dem goldenen Ring im Ohr, als würden von oben Raketen und Granaten niederprasseln und mal weiter weg, mal in der Nähe explodieren, manchmal sogar so nah, dass der Lärm wie geschmolzenes Eisen in die Ohren floss. (S. 286)

Kurkow nennt den Roman offenbar deshalb "Graue Bienen", weil die Bienen als Teil der Natur keiner Partei zuzuordnen sind (und sich deshalb nicht glauben gegenseitig töten zu müssen). Deshalb sind sie Sergejitsch so wichtig, dass er ihnen zuliebe seine neutral graue Zone verlässt und sich damit notgedrungen auf das Leben außerhalb einlässt.

Daher scheint mir die Bemerkung der Rezensentin Löffler "Sergejitsch ist Anhänger einer integralen Ukraine; Paschko sympathisiert mit den prorussischen Milizen" zu verkürzt. Sergejitsch war in seiner Kindheit mit Paschko verfeindet. Inzwischen bilden sie eher eine Symbiose als einzige Zurückgebliebene des Ortes. In dieses "Feind"/Lebens-gemeinschaft-Verhältnis stellt Kurkow natürlich nicht zufällig, und nicht zufällig entdeckt Sergejitsch auf der Krim seine Nähe zu den Tataren, weil sie - wie er - keiner Partei zugehören, sondern in dem anderen den Menschen sehen. 

Die Tataren auf der Krim, die anlässlich der Besetzung durch Russland (jedenfalls nach der Darstellung Kurkows) der Ukraine keine Träne nachweinen, sehen in Sergejitsch den Menschen - anders als die Banderisten (für die er ein Feind ist) und die russischen Journalisten, die ihn für ihre Propaganda brauchen und nur stumme Bilder von ihm zeigen, weil sie seine Botschaft keinesfalls weitergeben wollen.

Auf der Krim: Als er morgens die Augen aufschlug, hatte er keine Zweifel mehr daran, im Paradies gelandet zu sein. Er war in einem Märchen, in dem die Natur den Menschen nicht nur diente, sondern ihn bediente, in dem die Sonne mit dem Untergehen wartete, bis der Mensch sein Tagewerk verrichtet hatte. [...]  Vor dem Hintergrund des Vogelgesangs kam in Sergejitsch die unerklärliche Überzeugung auf, dass alles Schlechte hinter ihm lag und vor ihm die verdiente Ruhe sowie ein Leben im Einklang mit den Bienen, also auch im Einklang mit der Natur. (S. 288/89 - Hervorhebung von Fontanefan)

Der Roman Andrij_Kurkows, 2019 veröffentlicht, ist ein Appell für den Frieden, der - Russlands Angriff von 2022 nicht vorausahnend - für keine Partei Stellung bezieht, auch nicht für die Ukraine, der 2014 wichtige Teile entzogen wurden, sondern nur für die Natur, den Frieden und die Zwischenmenschlichkeit.

Anlässlich der Beerdigung:

"Er fühlte sich schon wie eine Biene in einem fremden Bienenstock." (S.337)

"Im Bienenstock suchen sie nicht."

"Ja, da hast du recht! stimmts Paschka zu und klang fast glücklich. "Das war's! Also dann! Ich warte!"

'Na, einer wartet immerhin auf mich!' dachte Sergejitsch und trat aufs Gaspedal. (S.445)



23 Juni 2025

Bill Clinton: Mein Leben

Diesem Buch von 1450 Seiten werde ich nicht annäherungsweise gerecht werden. Dafür fehlt mir ein inhaltlich orientiertes Inhaltsverzeichnis, und die Darstellungsweise ist dermaßen chronologisch  und springt von Thema zu Thema, dass ich nur sehr subjektive Lektüreeindrücke und wenige Zitate liefern werde, die gewiss nicht exemplarisch sind, denn ich werde das Buch nicht vollständig lesen. 

Ich bin stark erkältet und habe das Buch in einem öffentlichen Bücherregal gefunden. Ich hoffe, dass mich meine Neugier zu ein paar interessanten Stellen führt und dass ich nebeibei einen Eindruck von dem Buch gewinne. 

Kapitel 33

788 Haarschnitt

801 Kohl

Kapitel 34

S. 812 2-SCHLÜSSEL-PRINZIP Bosnien, S.1008/09, Serbien S.1022 https://www.bmlv.gv.at/pdf_pool/publikationen/03_jb99_35.pdf


"Ich hätte den Plan leicht durchgebracht, hätte ich die Treibstoffsteuer fallen lassen und den Einnahmenverlust durch einen Verzicht auf die Einkommensteuergutschrift ausgeglichen. Der politische Schaden wäre sehr viel geringer gewesen, denn die einkommensschwachen Arbeitnehmer hatten in Washington keine Lobby und hätten nie davon erfahren. Ich hätte lediglich mit dieser Entscheidung leben müssen. 

[...] ich musste oft an / den Satz denken: Die Menschen sollten besser nie erfahren, wie Soßen und Gesetze gemacht werden. Es war eine schmuddelige Arbeit, und man wusste nie genau, welche Zutaten verwendet worden waren. (S. 814/815)

S.818 Die Republikaner "bezeichneten mein Budget als 'Jobkiller' und 'One-Way-Ticket in die Rezession' Sie sollten sich täuschen." Die Aktien stiegen und die Wirtschaft boomte.

Kapitel 35

S.820 Am 11.8.1993 Generalstabschef Shalikashvili nominiert. 

Verständigung von Rabin und Arafat:

"Auf die von Arafat unterstützte irakische Invasion Kuwaits folgte die in weiten Teilen erfolgreiche amerikanische Gegenoffensive sowie anschließend die Vertreibung der Palästinenser aus Kuwait 1991. Binnen weniger Tage mussten etwa 450.000 Palästinenser Kuwait verlassen. [*Der materielle Verlust der von den Kuwaitern faktisch enteigneten Flüchtlinge allein aus Kuwait wurde 1992 auf mindestens zehn Milliarden Dollar geschätzt.[3]*] Dies und der Verlust wesentlicher Unterstützer in der arabischen Welt[2] brachte Arafat 1993 dazu, im Namen der PLO Friedensverhandlungen mit Israel aufzunehmen, die zur gegenseitigen Anerkennung führten." (Wikipedia)


1993 Rabin "wandte sich in englischer Sprache direkt an die Palästinenser und klang wie ein biblischer Prophet: "Unsere Bestimmung ist es, miteinander im selben Land zu leben. Wir, die Soldaten, die blutüberströmt aus den Schlachten heimgekehrt sind… sagen euch heute mit lauter und deutlicher Stimme: Genug des Blut, des und der Tränen. Genug! ... So wie ihr und wir Menschen… Menschen, die ein Heim errichten, einen Baum pflanzen, lieben und als menschliche Wesen in Freiheit, Seite an Seite mit euch leben wollen. Dann zitierte Jitzchak Rabin aus dem Buch Koheleth, das die Christen als das Buch Salomon bezeichnen: "Ein Jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden, hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit. [...] Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. Die Zeit für den Frieden ist nun gekommen." 
Es war eine großartige Rede. Jitzchak Rabin hatte seine Zeit genutzt um seinen Gegnern die Hand zu reichen." (S. 828). 

"Die komplexen Schwierigkeiten, mit denen wir in Somalia, Haiti oder Bosnien konfrontiert wurden, inspirierten Tony Lake zu einer seiner besten Aussagen: 'Manchmal sehne ich mich wirklich nach dem kalten Krieg zurück.' " (S.844)


Kapitel 36: (S.845ff.)
Religious Freedom Liberation Act (S.850)

Kapitel 37: (S.863ff.)
"Das Jahr 1994 war eines der schwersten meines Lebens –  große außen – und innenpolitische Erfolge wurden, vom Scheitern der Gesundheitsreform und von einer obsessiven Auseinandersetzung mit provozierten Skandalen überschattet. Es begann mit einer persönlichen Tragödie und endete mit einer politischen Katastrophe." (S.863)

"Auf dem Weg nach Moskau legte ich einen kurzen Zwischenstopp in Kiew ein, um mich mit dem ukrainischen Präsidenten, Leonid Krawtschuk zu treffen und ihm dafür zu danken, dass er gemeinsam mit Jelzin und mir am folgenden Freitag eine Vereinbarung unterzeichnen würde, mit der sich die Ukraine verpflichtete, 176 auf die Vereinigten Staaten zielend ballistische Interkontinentalraketen und 1500 Atomsprengköpfe zu vernichten. Die Ukraine war ein großes Land mit 60 Millionen Einwohnern und enormen Potenzial, doch wie bei Russland wusste man noch nicht, welche Richtung es am Ende einschlagen würde. Krawtschuk  stieß mit dem Wunsch, sich der Atomwaffen zu entledigen, auf beträchtlichen Widerstand im Parlament, und ich wollte ihn unterstützen. (S. 867). 

Zur Diskussion, ob ein Sonderermittler eingesetzt werden sollte (S.869-874):
"Abgesehen davon würde es nicht lange dauern, uns in den finanziellen Ruin zu treiben, denn ich war der Präsident mit dem geringsten Privatvermögen in der Geschichte des modernen Amerika." (Seite 871).

"In derselben Woche ernannte ich den stellvertretenden Verteidigungsminister Bill Perry zum Nachfolger von Les Aspin, der kurz nach der Tragödie in Mogadischu zurückgetreten war. [...] Er hatte dazu beigetragen, der Tarnkappentechnologie zum Durchbruch zu verhelfen, er hatte das Beschaffungswesen reformiert und sich für eine realistische Budgetplanung eingesetzt. Bill war ein zurückhaltender, bescheidener Mann, unter dessen unauffälligem Auftreten, sich eine überraschende Härte verbarg. Seine Ernennung sollte sich als eine meiner besten Personalentscheidungen überhaupt erweisen – Perry wurde der wahrscheinlich beste Verteidigungsminister, seit General George Marshall. (S.876)

Kapitel 38: (S.888ff.)

Whitewater-Affäre "Viele Leute hatten bereits ein persönliches Interesse daran, ein Vergehen zu entdecken, und wenn an unserem lang vergangenen Immobiliengeschäft nichts Rechtswidriges zu finden war, so bestand noch immer die Hoffnung, dass man zumindest irgendjemandem im Weißen Haus nachweisen konnte, in dieser Sache irgendwann etwas Unrechtes getan zu haben. [...] Unterschwellig klang immer durch, dass wir irgendetwas Böses getan haben mussten. Beispielsweise berichtete die New York Times, als unsere Finanzaufzeichnungen den Weg in die Presse gefunden hatten, das Hillary mit der Hilfe von Jim Blair im Jahr 1979 an den Warenmärkten aus einer Investitionen von 1000 Dollar in kürzester Zeit 100.000 Dollar gemacht hatte. Blair war einer meiner engsten Freunde, der Hillary und einer Reihe andere Freunde tatsächlich bei Investments an den Warenbörsen geholfen hatte. Aber es war Hillary, die ihr Geld riskiert und über 18.000 Dollar an Brokergebühren bezahlt hatte; und es war ihrem Instinkt zu verdanken, dass sie wieder aus stieg, bevor der Markt abstürzte." (S. 888/89)   

Paula Jones (S.907)                                                                                                                   

Kapitel 39: (S.921ff)

Kapitel 40: (S.942 ff.)

Kapitel 41 (S.954)

Newt Gingrich (S.959)

Kapitel 42 (S.961 ff.)

Nato-Osterweiterung "[1995...] reiste ich nach Budapest, wo ich mich nur acht Stunden aufhielt, um an einem KSZE-Treffen teilzunehmen und mit den Präsidenten der Ukraine, Kasachstans und Weißrussland, eine Reihe von Vereinbarungen zu unterzeichnen, mit denen sich diese Länder zur Auflösung ihrer Atomwaffenarsenale verpflichteten. Die Tatsache, dass wir uns gemeinsam darum bemühen, unsere Arsenale um mehrere tausend Gefechtsköpfe zu verringern und die weitere Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern, hätte uns eigentlich positive Schlagzeilen bescheren sollen. Stattdessen sorgte nur Jelzins Rede für Aufsehen, der er mich dafür kritisierte, den Kalten Krieg durch einen "kalten Frieden" zu ersetzen, weil ich die NATO rasch nach Osten zu erweitern versuchte. In Wahrheit hatte ich genau das Gegenteil getan: ich hatte eine Partnerschaft für den Frieden gewählt – als Zwischenlösung, um eine sehr viel größere Zahl von Ländern in das neue Sicherheitssystem einzubinden. Ich unterzog die Aufnahme neue NATO-Mitglieder einer sorgfältigen Prüfung und tat alles, um eine Partnerschaft zwischen der NATO und Russland aufzubauen.

Die Attacke Jelzins traf mich völlig unvorbereitet. Ich hatte keine Ahnung, was ihn in Rage gebracht hatte, und war verärgert, weil ich keine Gelegenheit hatte, auf seine Vorwürfe einzugehen. Anscheinend hatten ihm seine Berater eingeredet, dass Polen, Ungarn und die tschechische Republik 1996 in die NATO aufgenommen würden, d.h. genau in dem Jahr, in dem er sich zur Wiederwahl stellen musste. [Es geschah dann 1999.] Dabei würde er den Ultranationalisten gegenüberstehen, die die NATO-Erweiterung rundweg ablehnten, während ich gegen die Republikaner antreten würde, die sie befürworteten.

Budapest war eine unangenehme Erfahrung, eine jener seltenen Momente, in denen beide Seiten die Fassung verloren. Aber auch diese Krise würde vorübergehen. Einige Tage später reiste Al Gore zum vierten Treffen der Gore-Tschernomyrdin Kommission zur Zusammenarbeit in Wirtschaft, Wissenschaft und Technik nach Moskau und traf sich mit Jelzin. Boris erklärte ihm, er sei weiterhin mein Partner, und Al versicherte ihm, dass sich unsere NATO-Politik nicht geändert habe. Ich hatte nicht vor, Jelzin aus innenpolitischen Gründen in den Rücken zu fallen, genauso wenig aber würde ich zulassen, dass er die Tür zur NATO für unbegrenzte Zeit verriegelte." (S.966/67)   - Sieh auch: S. 992 u. S. 1021)

Fontanefan: Aus der Sicht von 1995 war die Partnerschaft für den Frieden ein mutiges Experiment, mit dem man die Friedensdividende, die der Zusammenbruch der Sowjetunion versprach, erreichen wollte, ähnlich, wie es in den 1950er Jahren die Europäische Einigung war. Im Jahr 2004, als Clintons Autobiographie erscheint und als nicht nur wie 1999 ehemalige Warschauer-Pakt-Staaten wie Slowakei, Rumänien, Bulgarien und Slowenien, sondern auch selbständig gewordene ehemalige Teile der Sowjetunion  (Estland,   Lettland  und  Litauen) der Nato beitraten, hatte sich die Lage geändert, zumal man auch der Ukraine Hoffnungen auf einen NATO-Beitritt machte. Im Jahr der Orangen Revolution 2004, als die Ukraine den Weg zur Demokratie antrat, glaubten viele, man könne die Ukraine - die ehemalige Kornkammer der Sowjetunion für den Westen (NATO und EU) gewinnen. - [Ich fand das damals zu optimistisch, habe es aber nicht als großen Fehler herausgestellt. Schließlich war 1989/90 die deutsche Einigung geglückt - wenn auch mit einigen Geburtsfehlern - und ich wusste noch weit weniger als heute (wo die Wikipedia recht gut ausgebaut ist) über internationale Zusammenhänge Bescheid. 

Aus meiner Sicht von 2014 ff. liegt das Problem einerseits darin, dass die wirtschaftliche Umstellung, die in ehemaligen Ostblockstaaten - unterschiedlich gut - gelang, in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion weitgehend scheiterte und dass die weitgehende Zähmung der Oligarchen als politische Kraft zwar Putin für Russland gelang, aber nur mit diktatorischen Gewaltmaßnahmen und andererseits auch die politische Zusammenarbeit scheiterte. Die Partnerschaft für den Frieden war ein viel zu locker angelegter Verband und umschloss viel zu viele Elemente. So scheiterte eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit Russland, weil "der Westen" im trügerischen Gefühl, den Kalten krieg "gewonnen" zu haben, nicht zuließ, dass für Nachfolgestaaten der Sowjetunion "die Tür zur NATO für unbegrenzte Zeit verriegelt" würde. - Wenn überhaupt, hätte es eine Tür zur Partnerschaft für den Frieden sein müssen, doch die war viel zu locker, als dass sie Russland ein Gefühl der Sicherheit hätte vermitteln können, das gegenwärtig aufgrund der Wahl Trumps sogar für die Kernstaaten der NATO verloren gegangen ist.  

KAPITEL 43 (S.985ff)

Whitewater-Maschinerie (S.989)

Nato-Osterweiterung: "Als die Sprache auf die NATO-Osterweiterung kam, gab ich Jelzin indirekt zu verstehen, dass wir uns in dieser Frage bis zu den russischen Wahlen zurückhalten würden. Daraufhin erklärte sich Jelzin auch endlich bereit, der Partnership for Peace beizutreten. Obwohl er diese Entscheidung nicht öffentlich bekannt geben würde, versprach er mir, dass Russland die Dokumente bis zum 25. Mai unterzeichnen würde.

Auf dem Heimweg machte ich in der Ukraine Station, wo ich / an einer weiteren Weltkriegsgedenkfeier teilnahm, eine Rede vor Studenten hielt und zu der atemberaubend schönen Schlucht von Babi Jar fuhr, der die Nazis vor fast 54 Jahren mehr als 100.000 Juden, mehrere 1000 ukrainischen Nationalisten, sowjetische Kriegsgefangene und Zigeuner ermordet hatten. Nur einen Tag vorher hatten die Vereinten Nationen beschlossen, den Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen [Atomwaffensperrvertrag] auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Da mehrere Länder weiterhin versuchten, in den Besitz solcher Waffen zu gelangen, war die Verlängerung dieses vor 25 Jahren geschlossenen Vertrages ein wichtiges Ziel meiner Regierung gewesen. (S.992/93)

G-7-Gipfel 1995 in Halifax (S.994/95)



Kapitel 44 (S.1007ff.)
Massenvernichtungswaffen des Irak (S.1013f.)
Handschlag Arafat Rabin (S.1017)
Offenlegungspolitik (S.1024)
Juli 1995 Normalisierung der Beziehungen zu Vietnam

Kapitel 47 (S.1109ff.)

Kapitel 49
"Am Morgen des 15. August 1998, es war ein Samstag, weckte ich nach einer elenden, schlaflosen Nacht, meine Frau, um ihr die Wahrheit über Monica Lewinsky und mich zu erzählen. Sie sah mich an, als hätte ich ihr einen Schlag in den Magen versetzt. Dass ich sie im Januar angelogen hatte, machte sie fast ebenso wütend wie mein Fehltritt. Ich versicherte ihr, dass es mir leid tat und dass ich das Gefühl gehabt hatte, niemanden erzählen zu können, was geschehen war – nicht einmal ihr. Ich sagte ihr, dass ich sie liebte und sie und Chelsea nicht verletzen wollte, dass ich mich für mein Verhalten schämte und dass ich alles für mich behalten hatte, um meiner Familie Kummer zu ersparen und die Präsidentschaft nicht zu untergraben. Und dass ich nach all den Lügen und der Bösartigkeit, die wir seit meinem Antritt erfahren hatten, nicht von der Flut aus dem Amt gespült werden wollte, dir meine Aussage im Januar ausgelöst hatte." (S.1212) 
Nach 16 Zeilen geht er auf einen Terroranschlag der IRA auf Omagh ein.



09 Januar 2025

Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten, 2024

 Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten, Siedler Verlag, München 2024   (orig.: Autocracy, Inc.: The Dictators Who Want to Run the World, Doubleday, 2024)

Wikipedia: "Anne Applebaum betrachtet sich selbst als Liberal-Konservative. Sie bejaht Marktwirtschaft,  Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, die NATO und die Europäische Union.[26]

Im Jahr 2002 veröffentlichte sie eine Kolumne, in der sie israelische Angriffe auf die palästinensische Radio- und TV-Station Voice of Palestine verteidigte, weil diese ihrer Meinung nach durch die systematische Verbreitung von anti-israelischen Inhalten und der Befürwortung des Terrorismus, insbesondere von Selbstmordattentaten, ein legitimes Ziel seien.[27]

Russland unter Präsident Wladimir Putin sieht sie als raffinierte Diktatur. Die russische  Gazprom etwa sei kein privatwirtschaftliches Unternehmen, sondern ein Instrument russischer Außenpolitik: „Das ist nicht dasselbe wie – sagen wir – Shell. Gazprom gehört den Leuten, die den Kreml kontrollieren und ist eines ihrer Werkzeuge. Gazproms Aktivitäten in Deutschland – einschließlich des Kaufs eines Fußballvereins – ist russische Propaganda. Es hat alles mit Korruption zu tun, wenn man sich anschaut, wie die russischen Oligarchen reich geworden sind: Die haben fast alle westliches Offshore-Banking benutzt. Sie haben ihr Geld zusammen mit der russischen Mafia angelegt. Die Firmen haben ein Doppelleben geführt – ein legales und ein illegales“, meinte Applebaum in einem Interview mit The European.[28] Putins Krieg in der Ukraine sei zynisch, da er damit versuche, den Westen einzuschüchtern und zu destabilisieren.[29] Nur wenn Russland begreife, dass der Angriff auf die Ukraine ein Fehler war, gebe es eine Chance für dauerhaften Frieden, so Applebaum Anfang 2023. Jede andere Lösung – ein vorausgehender Waffenstillstand oder die Abtretung von Gebieten – berge das Risiko, dass Russland einige Monate oder Jahre warte und dann wiederum eine Invasion beginne. Mit den Waffenlieferungen schicke der Westen „eine klare Botschaft“ an Russland.[30]"


"Autokratische Herrschaft besteht im 21. Jahrhundert nicht länger nur aus einem Tyrannen an der Spitze, der mit Gewalt sein Volk unterdrückt: Heute werden Autokratien durch ausgeklügelte Netzwerke geführt, es hat sich eine neue internationale autokratische Allianz gebildet, wie Bestsellerautorin Anne Applebaum in ihrem neuen Buch zeigt. Von China bis Weißrussland, von Syrien bis Russland unterstützen sich Autokraten von heute gegenseitig mit Ressourcen und Equipment made in Iran, Myanmar oder Venezuela: von Propaganda-Trollfarmen und Bots über Investitionsmöglichkeiten für ihre korrupten Staatsunternehmen bis hin zum Austausch modernster Überwachungstechnologien. Applebaum offenbart, wie die Diktatoren der Welt hinter den Kulissen zusammenarbeiten und sich mit aggressiven Taktiken gegenseitig Sicherheit und Straffreiheit verschaffen. Und sie macht deutlich, wie diese autokratische Allianz unsere Demokratie untergräbt." (Siedler Verlag)

daraus:
"[...] Sieglinde Geisel einen überzeugenden Überblick über die "flexiblen Zweckbündnisse" vor, die Autokratien und Diktaturen weltweit eingehen, um ihre Macht zu erhalten und Demokratien zu zerstören. Von Russland über Syrien bis Venezuela werden die verschiedensten Staaten beleuchtet und aufgezeigt, welche Strategien sie von Waffenlieferungen an Rechtsextremisten bis Finanzspritzen an Terroristen zur Destabilisierung nutzen, so Geisel. Dass Putin und Xi Jinping bestimmt Begriffe nutzen, zum Beispiel von "Souveränität" sprechen statt von Menschenrechten, um sich so weiter gegen demokratische Bestrebungen wehren, kann Applebaum kenntnisreich vermitteln. "

NZZ "[...] Als Beispiele nennt sie iranische Drohnenlieferungen an Russland, so Ribi, oder auch die Hilfe, die der weißrussische Diktator Alexander Lukaschenko von seinesgleichen erhält. Autokraten wie Lukaschenko setzen ihre Machtinteressen inzwischen ganz offen durch, beschreibt Ribi mit Applebaum, auch weil der Westen, der lange vergeblich auf Wandel durch Handel setzte, dem nichts entgegenzusetzen habe. Applebaum plädiert nun für ein Umdenken, und ganz besonders für eine Fortsetzung der Waffenlieferungen an die Ukraine, so Ribi. Neue Erkenntnisse bringt dieses Buch nicht, gesteht er, aber es gelinge Applebaum, ein erfahrungsgesättigtes Gesamtbild von der derzeitigen bedrohlichen Weltlage zu zeichnen."
SZ "[...] Rezensentin Viola Schenz [...] Siegeszug der Autokraten, für den sie keine globale Verschwörung, wohl aber geschickte Kollaborationen von totalitären Regimes verantwortlich macht, die nicht durch eine gemeinsame Ideologie, sondern nur durch ihre Ablehnung des Westens zusammengehalten werden. Als Beispiele nennt Applebaum unter anderem den Gegenwind, den die Ukraine bei ihren Forderungen nach Unterstützung erhält, sowie die Ölverkäufe an China und Indien, die dem Iran dabei helfen, Terrormilizen im Nahen Osten zu finanzieren. Die Autokraten der Gegenwart, liest Schenz, tun nicht einmal mehr so, als würden sie das Beste für ihr Land wollen, stattdessen setzen sie darauf, die eigene Bevölkerung apathisch und hoffnungslos zu machen. Allzu viel Hoffnung macht auch Applebaums stark argumentiertes und angenehm verdichtetes Buch nicht, gesteht die Rezensentin ein, die Hoffnungen auf Wandel durch Handel haben sich inzwischen zerschlagen. Die Demokratien müssten eine Gegenachse bilden, erklärt Schenz, der Westen dürfte nicht immer nur auf den eigenen Vorteil blicken und Freiheitsbestrebungen auch andernorts fordern. [...]"


Inhalt des Buches

Einleitung: Die Achse der Autokraten

Kapitel 1: In Gier vereint S.25 ff
gegenseitige Unterstützung durch andere Autokraten, ganz unabhängig von Ideologien

Kapitel 2: Das Krebsgeschwür der Kleptokratie S.4 ff.
z.B. arbeiten Venezuela und Iran zusammen

Kapitel 3 Deutungshoheit (S.70 ff.)
Sharp power (S. 84ff.) [Zum Aufkommen des Begriffs im 19. Jh. und schlagartiger  Vervielfachung am Anfang des 21. Jhs: google books]














:
Kapitel 4 Ein neues Betriebssystem (S.103ff) 
Statt Menschenrechte   China: Recht auf Entwicklung, Souveränität

Kapitel 5 Die Verunglimpfung der Demokraten (S.127-154)  
Gene Sharp: Von der Diktatur zur Demokratie. Ein Leitfaden für die Befreiung. Beck, München 2008, 
Dazu Perlentaucher: "[...] ein Lehrbuch zum gewaltfreien Sturz von Diktaturen. Der Politikwissenschaftler Gene Sharp hat es ursprünglich für die Demokratiebewegung in Myanmar (Birma) geschrieben. Besonders bei der Befreiung von den Diktaturen in Osteuropa hat es im letzten Jahrzehnt eine wichtige Rolle gespielt. Die serbische Widerstandsbewegung "Otpor" hat es beim Sturz Milosevics im Jahre 2000 benutzt, es wurde von den Befreiungsbewegungen Kmara" in Georgien, "Pora!" in der Ukraine, "KelKel" in Kirgisistan und "Subr" in Belarus (Weißrußland) verwendet.

Die Tageszeitung "Michael Holmes [...] dieser programmatische Klassiker der Widerstandsliteratur aus dem Jahr 1993 [...] analysiere systematisch Schwächen und Stärken von Diktaturen und bespreche Chancen und Risiken von Kommunikations- und Widerstandsstrategien. [...] Autor Gene Sharp sei dabei kein "blauäugiger Pazifist", sondern interessiere sich schlicht für die Frage, wie man Diktaturen effektiv und mit wenigen Opfern "zersetzen" könne. Ziel: Die liberale Demokratie." 







"Keine politische Gruppe hat sich diese neuen Möglichkeiten geschickter zu eigen gemacht als die Demokratiebewegung von Hongkong 2016 und 2019/20 (S.133/34) "Doch obwohl sie eine Schlacht nach der anderen gewannen, verloren sie den Krieg. Während ich dies schreibe, sind alle Führer der Proteste von Hongkong entweder im Gefängnis oder im Exil." (S.135)

Aber es gab auch Erfolge, die von einem einzelnen ausgingen, einem Pastor der Pfingstbewegung in Simbabwe: Evan Mawarire, der das #ThisFlag movement auslöste (2016). (vgl. S.136-139) 
Darauf reagierte das Regime, indem es "Mawarire als falsch, verlogen und von Ausländern manipuliert (S.139) verleumdete. 
Diese Methode ist alt, schon in der Antike zu Ciceros Zeiten, dann im Kampf von Stalin gegen seine Gegner, vor allem gegen Trotzki, dann 2009 gegen die Proteste im Iran und von Hugo Chávez, der seine Gegner als Agenten des amerikanischen Imperialismus bezeichnete, oder gegen den Investor George Soros, dem allerlei Verschwörungstheorien gelten, die auf die „Spitze des Weltfinanz-Zionismus“ und damit das Judentum allgemein zielen.
Mawarire sagte dazu "Die sozialen Medien, die uns groß gemacht haben, haben uns auch wieder abgeschossen" (S.142)
[Dazu Fontanefan: Ähnlich ist es auch Greta Thunberg gegangen, als sie sich für die Bevölkerung im Gazastreifen einsetzte.]
Auf die Verdächtigungen von US-Einfluss reagierte eine Euromaidan-Demonstrantin: 
" 'Die haben einfach nicht kapiert, dass wir uns selbst organisieren.' Wie Shore erklärt: 'Aus der Kreml-Propaganda, der zufolge amerikanische Geheimdienste oder andere internationale Verschwörer die Fäden ziehen, spricht nicht nur bösartige Absicht, sondern auch die Unfähigkeit, sich vorzustellen, dass es Menschen geben könnte, die eigenständig denken und handeln.' " (S.140)
[Dazu Fontanefan: Indem Applebaum diese Argumentation von Shore nicht kritisiert, gerät sie freilich in den inneren Widerspruch, dass sie bösartige Absicht und gleichzeitig Unfähigkeit, sich selbständiges Handeln vorzustellen, unterstellt. Beides zugleich schließt sich aber aus. Mit dieser überzogenen Kritik nähren Shore und  Applebaum den Verdacht, dass sie von vielleicht wirklich vorhandenen US-Einflüssen ablenken wollen. Der Demonstrantin auf dem Euromaidan darf man zu gute halten, dass sie vielleicht wirklich an die Unfähigkeit des Kreml glaubt. Applebaum hat allzu deutlich gemacht, dass sie nicht daran glaubt, als dass sie Shores unbedachten Satz einfach auf sich beruhen lassen dürfte.]
Diese begründete Kritik  hat mich freilich auf eine falsche Fährte geführt. So habe ich kritisiert: 
Nachdem Applebaum (auf S.144) den Fall Nawalny angesprochen hat, schreibt sie auf S.145: "Deshalb schrecken moderne Autokraten vor Mord zurück. Ein Märtyrer kann eine politische Bewegung beflügeln, doch eine erfolgreiche Schmutzkampagne kann sie zerstören." 
Dabei geht sie auf S.145 ff. , die noch nicht gelesen hatte, darauf ein, dass Autokraten inzwischen Mord und Schmutzkampagne miteinander verbinden, um Kritiker möglichst unglaubwürdig zu machen, bevor sie sie ermorden, damit sie dann nicht zu Märtyrern werden können. Besonders gut funktioniert das freilich, wenn Kritiker aufgrund der Furcht, ermordet zu werden, ins Ausland gehen, weil dann behauptet werden kann, sie seien vom Ausland bestochen.
Hat die DDR vielleicht einen Fehler gemacht,, als sie Biermann 1976 nicht in die DDR hat zurückkehren lassen, weil sie ihn so zum Märtyrer gemacht hat, bevor es ihr gelang, seine Glaubwürdigkeit mit einer Schmutzkampagne zu zerstören?
"Fortschrittliche Autokratien bereiten heute schon im Voraus den legalen und propagandistisch Boden für solche Kampagnen und stellen Demokratieaktivisten Fallen, damit sie erst gar nicht an Glaubwürdigkeit und Beliebtheit gewinnen. Seit dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts haben Autokratien und einige nicht freiheitliche Demokratien sehr ähnliche Gesetze verabschiedet, die der Beobachtung und Kontrolle zivilgesellschaftlicher (auch unpolitischer und sozialer) Organisationen dienen und deren Mitglieder zu Terroristen, Extremisten oder Landesverrätern erklären." (S. 145).
Beispiele sind Jemen 2001, ähnliche Gesetze gibt es in der Türkei, in Eritrea und im Sudan.  "Uganda gründete 2009  eine Aufsichtsbehörde für zivilgesellschaftliche Organisationen, die befugt ist, diese auch aufzulösen." (S.145) Ähnliches geschieht in Äthiopien, in Kambodscha, in Venezuela (2024).
"Kuba, wo seit 1985 keine unabhängigen Organisationen mehr zugelassen wurden, verhaftete unlängst Hunderte von Menschen, die in informellen Gruppen mitwirken.
Besonders im Blickfeld stehen Organisationen, die tatsächlich Beziehung ins Ausland unterhalten. Im Jahr 2012 verabschiedete Russland Gesetze zur Beschneidung der Rechte von Nichtregierungsorganisationen und sozialen Einrichtungen, die Geld aus dem Ausland erhalten, und verlangte von Ihnen, sich öffentlich als ausländische Agenten zu bezeichnen Zwischenraum das belarussische Regime durchsuchte die Wohnungen von Mitarbeitern einer Stiftung, die sich für Menschen mit Behinderung / engagiert, wieder auf der Suche nach Beweisen für ausländische Finanzierung. China verabschiedete 2016 ein Gesetz, das Organisationen mit Beziehungen zum Ausland der Aufsicht durch den Geheimdienst unterstellt, darunter auch medizinische, soziale und kulturelle Einrichtungen mit Verbindungen zur chinesischen Diaspora.
 Diese Gesetze dienen als recht staatliches Feigenblatt für das, was dann folgt: kein politischer Prozess, sondern eine erfundene Anklage wegen Korruption. Selbst hochgradig korrupte Regimes drehen den Spielspieß einfach um und verwischen den Unterschied zwischen sich und ihren Gegnern. [...] In Venezuela wurde Leopoldo Lopez, damals einer der beliebtesten demokratischen Oppositionsführer, 2008 daran gehindert, für politische Ämter zu kandidieren, weil ihm das Regime Veruntreuung und Korruption vorwarf; unter ähnlichem Vorwand wurde Henrique Capriles 2017 von den Präsidentschaftswahlen ausgeschlossen.
Solche Anschuldigungen verfehlen ihre Wirkung nicht, selbst wenn sie falsch oder übertrieben sind [...] Wenn jemand wiederholt verunglimpft wird, dann fragen sich irgendwann sogar engste Vertraute ob die Vorwürfe nicht doch ein Körnchen Wahrheit enthalten. Wenn 'Geheimnisse' über einen Aktivisten [...] publik gemacht werden, zum Beispiel durch Veröffentlichung eines heimlich aufgezeichneten Telefonats [...]  Dann entsteht der Eindruck, dass die betroffene Person eher unehrlich ist und etwas zu verbergen hat, auch wenn sich in dem Gespräch oder den E-Mails nicht der geringste Hinweis auf ein Fehlverhalten findet.
Korruptionsvorwürfe gegen Dissidenten lenken zugleich von der Korruption in der Regierung ab. [...], Vorwürfe vermögen, frei erfunden oder verlogen sein und verlogen sein, doch sie vertiefen den Zynismus in der Bevölkerung und verstärken den Eindruck, dass Politik grundsätzlich ein schmutziges Geschäft ist, auch die Politik der Opposition, und dass man allen Politikern, auch Dissidenten, grundsätzlich misstrauen sollte. [...] 
Die saudische Regierung attackiert ihre Feinde mit tausenden realen und falschen Twitter- Konten. Dieser so genannten Fliegenarmee gehören staatliche Bots ebenso an wie begeisterte Freiwillige. Dank dieser öffentlich-privaten Partnerschaft wurde nach dem Mord an Khashoggi der arabische Hashtag. 'Wir vertrauen. Mohammed bin Salman' mehr als 1,1 Millionen mal verwendet. Das Gefühl der Stärke und Zugehörigkeit, das Menschen in der Masse erleben, können Sie nun auch zu Hause am Computer oder mit dem Handy haben.

Diese neue Art von Massenmobbing kann – gerade wenn sie vom Staat ausgeht, der auch Polizei und Geheimdienste kontrolliert – Leid, Angst und Paranoia in überwältigende Ausmaß verursachen. Opfer von Trollkampagnen werden oft sogar für Angehörige und enge Vertraute zu Unberührbaren. (S.150)
Die Kombination von neusten Technologien aus Silicon Valley, klassischen PR-Techniken und eine diktatorischen Grundhaltung wird seit langem für koordinierte Online-Hetzkampagnen verwendet, nicht nur von Amateuraktivisten und nicht nur für Cancel-Kampagnen oder Shitstorms, sondern auch von demokratisch gewählten Regierungen und Politikern in aller Welt. In der Tat sind sie oft ein Warnsignal, dass sich eine Demokratie im Niedergang befindet. [...]
Die Kampagne gegen die mexikanische Politikwissenschaftlerin Kolumnisten, Feministin und Aktivistin Denise Dresser. Seit 2020 attackierte Präsident [...Obrador] sie regelmäßig während seiner morgendlichen Pressekonferenzen. [...] Sie wurde heimlich in der Öffentlichkeit fotografiert; auf einem der Fotos, das in einem Starbucks aufgenommen wurde, scheint ihre Bluse offen zu stehen. Das Foto verbreitete sich im Internet ,darunter der Kommentar, sie lebe allein und leide unter Demenz. (S.151/152)

"Seit / 2023 spricht Trump davon, im Falle seiner Wiederwahl werde er das Justizministerium auf seine Feinde ansetzen – nicht, weil sie sich etwas hätten zuschulden kommen lassen, sondern weil er 'Vergeltung' wolle. Sollte es ihm jemals gelingen, nicht nur mit massiven Trollkampagnen, sondern auch mit Gerichten und Ermittlungsbehörden gegen seine Feinde vorzugehen, dann wäre die Vermischung aus autokratischer und demokratischer Welt perfekt." (S.153/54) 
[Das wäre eine politische Rechtfertigung für die von Biden vorsorglich ausgesprochenen Begnadigungen, aber eine rechtlich sehr fragwürdige. Es sei denn, man nähme an, die vorsorgliche Amnestie für Trump von Seiten des obersten Gerichtshofes für seine Taten im Amt sei illegal.]


Epilog: Demokraten vereinigt euch (S.155 ff.)

"[...] Von der Leyens Aufruf, diese Beziehungen auf der Grundlage von Transparenz, Berechenbarkeit und Gegenseitigkeit neu auszutarieren, war eine diplomatisch formulierte Forderung nach Zöllen, Einfuhrverboten und Exportkontrollen, die sicherstellen sollen, dass China mit staatlichen Mitteln nicht unsere Industrie ruiniert.
Diese Warnung reicht noch nicht aus, denn die Konkurrenz betrifft nicht nur China und nicht nur die Wirtschaft. Wir stehen heute an einem Wendepunkt, an dem wir dafür Sorge tragen müssen, dass Überwachungstechnologie, Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge, Stimm- und Gesichtserkennungssysteme und andere neue Technologien, den demokratischen Werten, den Menschenrechten und der Transparenz verpflichtet sind. Bei der gesetzlichen Regulierung der sozialen Medien sind wir bereits gescheitert mit fatalen Folgen für die Politik in aller Welt [...] Ein Bündnis aus Demokratien, sollte Transparenz fördern und internationale Standards festlegen,[...] 
Wir können es nicht länger zulassen, dass die Reichsten Geschäfte mit Autokratien machen und sich für deren außenpolitische Ziele einspannen lassen, während sie gleichzeitig Aufträge von demokratischen Regierungen erhalten und den Status, die Privilegien der Staatsbürgerschaft und die Rechtssicherheit der demokratischen Welt genießen.  Es ist Zeit, sie vor die Wahl zu stellen. [...]" (S. 176/77).

Mein Urteil: Ein nützliches Buch, aber indem Applebaum gar nicht auf dieselben Verleumdungsmethoden von Seiten des Westens ("Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst") eingeht, schwächt sie ihre Argumentation.
Die Aussage von Rezensenten, sie habe nicht genügend darauf hingewiesen, was man zur Verteidigung der Demokratie tun könne, lässt fast den Verdacht aufkommen, sie hätten die Seiten ab S.127 nicht gelesen. 
Einen Königsweg zur Verteidigung der Demokratie gibt es freilich in der Tat nicht. Denn fehlerlos regieren und der eigenen Bevölkerung jede Zumutung ersparen, das kann keine Regierung, das ist nicht Menschensache. 

Sieh auch:

LRT (LT)

Bedrohlicher Zusammenschluss von Diktatoren

Für LRT-Kolumnist Rimvydas Valatka ist der Krieg damit ein Stück weiter an Litauen herangerückt:

„Das tapfere ukrainische Volk wird die nächsten tausend Tage dieses Krieges nicht überstehen – zu isoliert, zu ungleich in der Stärke, um dem Zusammenschluss von Diktatoren aus aller Welt standzuhalten. Und wenn das geschieht, wird das faschistische Russland seinen Krieg nach Litauen und nach ganz Europa tragen. Die Bedrohung ist bereits spürbar: Die nahezu zeitgleiche Beschädigung der Kabel zwischen Finnland und Deutschland sowie zwischen Litauen und Schweden ist kein Zufall.“

Rimvydas Valatka